Politik und Wirtschaft

Einschneidende Vorschriften in das Privat- und Berufsleben sollen die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen bzw. unter Kontrolle bringen. Hilfspakete von USD 2 Billionen in den USA und EUR 540 Milliarden in Europa stehen bereit, um die Auswirkungen auf die jeweiligen Wirtschaften zu minimieren. Angesichts der Tatsache, dass die USA rund 10% des BIP aufwendet und dass sich Europa vorher nicht über die Brexitlücke im Budget einigen konnte, ist beides bemerkenswert. Weil die Wirtschaft sowohl auf der Angebots- als auch Nachfrageseite leidet, ist aber eine Rezession kaum zu vermeiden.

Ein Vergleich mit der Finanzkrise 2008 ist irreführend, die Depression der 1930er-Jahre ist der bessere Massstab. Der Begriff „Depression“ wurde letztmals für die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre benutzt. Als Tiefpunkt eines wirtschaftlichen Abschwungs wird sie von hoher Arbeitslosigkeit, geringer Auslastung der Kapazitäten, sinkenden Einkommen und geringerer Nachfrage gekennzeichnet. Zustände wie in der Gegenwart.

 

Geldpolitik und Obligationenmärkte

Angesichts der Gefahren für Konjunktur und Wirtschaftswachstum sind die Zentralbanken aktiv geworden. Das Fed hat den Leitzins neu auf 0-0.25% gesenkt und grosse Wertschriftenrückkäufe bekanntgegeben. Diese setzten sich aus Käufen von US-Staatsanleihen und hypothekengesicherten Wertpapieren zusammen. Hinzu kommt die Vergabe von „Corona-Notfallkrediten“ sowie der Ausbau von Liquiditäts-Swaps mit anderen Zentralbanken. Eine zusätzliche Massnahme betrifft eine neue Repo-Fazilität, durch welche ausländische Behörden mittels Verkäufe von US-Staatsanleihen, zu einem geringen Zins an USD kommen.

Die EZB hat auf eine Zinssenkung verzichtet, dafür aber verschiedene Notmassnahmen eingeleitet. Die Banken bekommen ein Jahr lang eine Prämie von 0.75% für Refinanzierungsdarlehen, falls sie ihr Kreditvolumen nicht kürzen. Zusätzliche Anleihenkäufe von EUR 120 Milliarden sind mittlerweile um EUR 750 Milliarden aufgestockt worden. Zudem steht eine Zusammenarbeit mit dem Europäischen Stabilitätsfonds (ESM) und eine Sistierung der selbstauferlegten Beschränkungen bezüglich der Obergrenze für Käufe von Staatspapieren einzelner Länder zur Debatte.

Das grösste Problem an den Obligationenmärkten ist die Rekordverschuldung der Gesellschaften, deren Obligationen heute einen Wert von USD 20.9 Billionen oder 92% des BSP haben. Knapp die Hälfte der Anleihen sind nicht „investment grade“ (BBB), nur gut 25% sind besser eingestuft. Im gegenwärtigen Umfeld sind aber auch Staatsanleihen von Industrienationen keine sicheren Häfen mehr. Einerseits liquidieren viele Investoren (Hedge Fonds, Obligationen-ETFs), um möglichst viel Cash zu haben; anderseits machen erste Inflationsbefürchtungen die Runde. Auf längere Sicht am bedenklichsten ist die Tatsache, dass Zentralbanken die Staatsausgaben nicht nur indirekt finanzieren.

 

Aktienmärkte

Alle Ökonomen und Analysten müssen ihre Prognosen korrigieren, aber da alles noch in Bewegung ist, sind vernünftige Zahlen unmöglich. Nichtsdestotrotz ist man sich auch ohne empirische Zahlen einig, dass sich die Weltwirtschaft bereits in einer Rezession befindet und dass die Kurskorrektur durchaus ihre Berechtigung hatte. Die Fragen bezüglich der Tiefe und Länge dieser Wirtschaftsabschwächung werden reine Spekulation bleiben bis erste Wirtschaftszahlen vorliegen. Die Aktienmärkte müssen noch mit erheblich schlechteren Quartalsergebnissen zurechtkommen.

Im Moment bestimmen Emotionen und Hoffnungen die Kursbewegungen. Jede „Verbesserung „ der Zahl von Tests, Infizierten oder Todesfällen wird dankbar aufgenommen und als Zeichen eines baldigen Überstehens bewertet. Jede Aktion der Behörden wird mit der Hoffnung auf baldige Verbesserung verbunden. Die Konsequenzen auf den Geschäftsverlauf von kotierten Gesellschaften werden ausgeblendet und die bevorstehenden Veränderungen der Evaluationskriterien müssen noch verarbeitet werden.

 

Konklusionen

Da die gegenwärtige Problematik einer Quadratur des Kreises gleichkommt, ist „Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit“ (Falstaff, Shakespeare). Die Politiker können die Schutzmassnahmen zu früh lockern und die Wirtschaft könnte mehr Schaden erleiden als angenommen. Obligationen sind auf die Bonität der Gesellschaft (nicht Rating!), Aktien auf die Finanzierung der Gesellschaft (Achtung Goodwill!) zu überprüfen. Die IWF Prognose einer Schrumpfung der Weltwirtschaft um 3% gegenüber dem Vorjahr ist zu optimistisch, die Cashbestände von 5.9% bei Fondsmanager (BoA Umfrage) sind zu niedrig.


Christian Wagner
Finanzberater