Die langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft, die Finanzmärkte und die Gesellschaft sind schwierig abzuschätzen. Wir stellen einige Fragen und versuchen, diese nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Nebenbei erfahren Sie, was die Kürzel SRSSI bedeuten.

 

Frage 1: Wird das Virus ein fester Begleiter der Menschheit bleiben?

Je dezentraler, je heterogener und je öfter Informationen abgespeichert werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie die Jahrhunderte überdauern.

COVID-19 ist Information. Millionen Menschen auf allen Kontinenten sind Informationsträger, obige Bedingung ist somit erfüllt. Es ist der Menschheit bis jetzt nicht gelungen, die Beulenpest auszurotten. Vermutlich muss die Menschheit dauerhaft lernen, mit COVID-19 zu leben. Dies könnte bedeuten, dass viele der derzeit kurzfristigen Notfallmassnahmen in Zukunft eher die Regel sein werden.

 

Frage 2: Wie entwickelt sich das Virus weiter?

Da das Virus schnell mutiert, die Evolution hingegen im Zeitraffer stattfindet, sind 2 Szenarien denkbar:

1. Mutationen zum Vorteil des Virus:

Aufgrund der vielen Träger hat das Virus Millionen Chancen, sich zum eigenen Vorteil zu verändern. Ähnlich, wie es keinen allgemeingültigen Grippeschutz gibt, sondern nur Schutzimpfungen ohne 100%-Schutz gegen Grippeviren dieser Saison, in dieser Weltregion, besteht die Gefahr, dass zukünftige Impfungen nur einen unvollständigen, temporär gültigen Schutz gegen die derzeit in dieser Region grassierenden Varianten bieten. Deshalb hatte die WHO zu Beginn des Ausbruchs Angst, dass das Virus in populationsreichen Ländern mit schlechten Gesundheitssystemen endemisch wird. Leider wurden diese Befürchtungen schliesslich zur Realität.

2. Mutationen zum Nachteil des Virus:

Das Virus verfügt nicht über eine DNA; es hat keinen Kopierschutz. Genau deshalb fallen die Kopien des Virus so unterschiedlich aus und genau deshalb mutiert es so schnell. Gelegentlich sind Virus-Kopien so schlecht, dass sich Virenausbrüche einfach «totlaufen». Während diese Chance besteht und insbesondere am Anfang der Epidemie gross war, sind die Chancen mit der dezentralen Speicherung in Millionen von Menschen in allen Ländern stark gesunken, weil die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein paar der Mutationen nicht zum Nachteil des Virus stattfinden werden, sehr hoch ist. Damit sich die Epidemie von selbst totläuft, müssten alle Mutationen zum Nachteil des Virus sein. Dies erscheint eher unwahrscheinlich.

 

Frage 3: War COVID-19 gut für die Börsen?

Die Pandemie war und ist eindeutig eine Katastrophe für die Wirtschaft. Viele Unternehmen, Länder und Zivilgesellschaften werden stark geschwächt aus dieser Krise hervorgehen. Der Wirtschaftseinbruch wird der grösste seit der Weltwirtschaftskrise der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts sein.

Im Normalfall sind katastrophale Wirtschaftsnachrichten auch schlechte Nachrichten für die Börsen. Im Regelfall führt ein Einbruch der Realwirtschaft, eine starke Rezession, zu stark rückläufigen Gewinnen und zu einem Crash.

Zu Beginn der Pandemie folgten die Finanzmärkte genau dem Standardmuster. So sank beispielsweise der S&P500 von 3373 am 20. Februar 2020 auf 2237 am 23. März 2020. Ein Minus von 34% in nur einem Monat und einer der schnellsten und schärfsten Crashs aller Zeiten.

Als Reaktion auf diesen Crash und die sich anbahnende Wirtschaftskrise öffneten die Zentralbanken ihre Geldschleusen und begannen, Finanzassets in noch nie dagewesenem Ausmass und in noch nie dagewesener Geschwindigkeit aufzukaufen. Innerhalb weniger Tage übertraf die Bilanzausweitung  der FED und anderer Zentralbanken die Gesamtbilanzausweitung während der globalen Finanzkrise 2007.

Grafik 1 zeigt die «Explosion» der FED-Bilanz an.

Grafik 1: Entwicklung der Bilanz der FED (in Milliarden USD), seit 2008

Entwicklung der Bilanz der FED (in Milliarden USD), seit 2008

Mit diesen Aufkaufprogrammen gelang es der FED aus schlechten realwirtschaftlichen Nachrichten gute Nachrichten für die Börsen zu machen. Mehr zu dieser «verdrehten Welt» und was dies mit Kunst zu tun hat, finden Sie hier. Was das Ganze mit einem klassischen Verhaltensexperiment, für welches 1904 der Nobelpreis verliehen wurde, zu tun hat, finden Sie hier.

Aufgrund der enorm aggressiven Reaktion der Zentralbanken stiegen die Kurse diverser Indizes, z.B. des NASDAQ Composite oder des NASDAQ 100 trotz der Wirtschaftskrise auf Allzeithöchststände. Auch der SMI fand zu alter Stärke zurück und hat den Einbruch fast überstanden.

Wie weiter an den Börsen?

Damit die Aktien auf den derzeitigen Niveaus bleiben oder weiter steigen, muss die Bilanzausweitung der Zentralbanken beibehalten werden und die Marktmanipulationen somit noch deutlich aggressiver umgesetzt werden. Das wahre Ausmass der realwirtschaftlichen Krise wird vermutlich von vielen Marktteilnehmern unterschätzt. Der Wirtschaft könnte das Schlimmste noch bevorstehen. Wiederum könnte eine Verschlechterung der Realwirtschaft noch aggressivere Marktmanipulationen der Zentralbanken auslösen, wenn diese nicht irgendwie gestoppt werden.

Deshalb lassen sich derzeit nur kombinierte Interventions- und Aktienprognosen erstellen: Wenn die Zentralbanken noch aggressiver Assets aufkaufen, die FED die Zinsen sogar in den negativen Bereich senkt und ihre offiziellen Aufkaufprogramme auf den Aufkauf von Aktien-ETFs und Aktien ausweitet, werden die Aktien weiter steigen.

 

Frage 4: Wer sind die Gewinner der COVID-19-Pandemie?

Grundsätzlich dürften Staaten, Sektoren, Unternehmungen und Individuen mit hoher (tiefer) Digitalkompetenz zu den Gewinnern (Verlierern) gehören.

Beispiel 1: Homeoffice-Lösungsanbieter

Oftmals hat sich «Telearbeit» – das Homeoffice – während der Ausgangssperren bewährt. Viele Manager dürften nun gegenüber Heimarbeit offener sein und sich die Fragen stellen: «Was, wenn eine 2. Welle kommt? Was, wenn es eine Abfolge von Ausgangssperren geben wird?». Wo möglich, werden viele Unternehmen ihre Arbeitsinfrastruktur so einrichten, dass von jedem Ort mit zuverlässigem Internetanschluss gearbeitet werden kann. Auch schweizerische Unternehmen konnten profitieren. So konnte beispielsweise Logitech während der Quarantänemassnahmen rund 60-mal mehr Videokonferenzzubehör verkaufen.

Beispiel 2: Werksautomatisierungen in der verarbeitenden Industrie durch Robotiklösungen

Fabrikarbeiter konnten während des Lockdowns im Gegensatz zu den Büroangestellten nicht von Zuhause arbeiten. Schätzungen zufolge gingen allein in der Schweiz ab Ende März über eine halbe Million Menschen erzwungener Kurzarbeit nach, die verarbeitende Industrie stand still. Die Anstrengungen, bei Bedarf ohne menschliche Arbeitskräfte vor Ort produzieren zu können, haben deshalb stark zugenommen. Deshalb sind die Roboterbestellungen trotz Wirtschaftskrise tendenziell gestiegen. Unter anderem Kuka (Deutschland), Fanuc, Yaskawa (beide Japan), aber auch die schweizerische ABB konnten profitieren.

Beispiel 3: virtuelle Freizeitgestaltung

Während des Lockdowns wollten viele ihren Geburtstag nicht allein feiern. Warum nicht einen Online-Geburtstagsapéro über Zoom, Skype oder Instagram durchführen? Warum nicht beispielsweise online Museumsbesuche durchführen oder Tanzkurse belegen?

Beispiel 4: Medizinrobotik und Telemedizin

In China wurden viele Krankenhäuser mit Robotern ausgerüstet. Diese können nur durch virtuelle Viren angesteckt werden und führen beispielsweise automatisch Desinfektionen durch. Gefährdetes menschliches Pflegepersonal soll in Zukunft durch Roboter ersetzt werden.

Fernbehandlungen, ohne eine Praxis mit hohem Ansteckungsrisiko besuchen zu müssen, führten zu einem Boom von Telemedizinanbietern und Online-Apotheken.

Beispiel 5: «George Orwell Profiteure»

Der Umgang mit Pandemien ist eines der wenigen Beispiele, bei denen ein totalitärer Überwachungsstaat – eine Planwirtschaft – einem bürgerlich-liberalen Staat – einer Marktwirtschaft – überlegen sein kann.

Durch Geolokalisierung der Smartphone-Benutzer, Gesichtserkennungssoftware, Zwangstests und automatischer Temperaturmessung gelang es China schneller als den USA, Infizierte herauszufiltern, zu isolieren und Infektionsketten nachzuverfolgen. Die Vorzüge totalitärer Überwachungsmethoden im Kampf gegen eine Pandemie sind offensichtlich. Auch Südkorea und Singapur setzten erfolgreich ähnliche Methoden ein.

Der Autor ist der Überzeugung, dass die meisten Staaten langfristig viele falsche Lehren aus der COVID-19 Krise ziehen werden, somit «überlernen» werden und deshalb Freiheitsrechte, Liberalismus und die Marktwirtschaft weiter abgebaut werden. Mit der COVID-19-Pandemie hat sich die Grenze des Akzeptablen auch im Westen massiv in Richtung Einschränkung von Freiheitsrechten verschoben, die vor der Pandemie undenkbar gewesen wären. Die Begründung für die Beibehaltung oder Ausweitungen der «Überwachungen» ist ganz einfach: «Wir müssen das tun, um eine 2. Welle zu verhindern. Sie müssen sich zwischen Datenschutz oder Leben und Gesundheit entscheiden! Deshalb brauchen wir auch das 5G-Netz und ein Pandemieministerium mit ganz viel Budget und vielen Mitarbeitenden…».

Viele Staaten setzten automatische «Ausgangssperre-Kontollroboter» ein, um die Quarantänemassnahmen zu überwachen. Schauen Sie mal hier! Auch elektronische Hunde kommen bereits zum Einsatz.

Wenn man schon in Zukunft mehr überwacht und eingeschränkt wird, warum dann nicht wenigstens finanziell davon profitieren oder sich zumindest partiell gegen den Überwachungsstaat hedgen, indem man in Firmen investiert, welche die Überwachungsstaattechnologie anbieten? Der Autor ist neugierig, welche Ausschlusskriterien und nach welcher Ausschlussphilosophie die Anbieter von «Social Responsible Indizes» wählen werden…

COVID-19 hat sogar neue Indizes hervorgebracht

Die Pandemie hat sogar zur Kreierung neuer Aktienindizes geführt.

Die amerikanische Investmentgesellschaft MKM beispielsweise entwickelte einen «Stay at Home Index», der rund 30 Unternehmungen beinhaltet, welche von den Ausgangsbeschränkungen profitiert haben und weiter profitieren dürften. Nähere Informationen über diesen Index finden Sie hier.  Vielleicht gibt es sogar bald einen «Social Responsible Surveillance State Index» (SRSSI)? Was denken Sie?

Zum Schluss zwei Unternehmenszahlen, die die Auswirkungen von COVID-19 verdeutlichen sollen

Unique Airport verzeichnete im April 2020 ggü. dem Vorjahr einen Rückgang der Passagierzahlen von fast 99%. Statt den 1.9 Millionen Passagieren im Jahr 2019 flogen nur noch 21000. Viele Detailhändler im Flughafengebäude sind «komplett umsatzfrei».

Die Rückversicherer leiden unter den Pandemieschadenszahlungen. Allein die Verschiebung der Olympischen Spiele könnte die Swiss Re eine Viertelmilliarde US-Dollar kosten. Die Schadenersatzforderungen könnten sich auf eine dreiviertel Milliarde US-Dollar aufsummieren. Auf der anderen Seite ist es derzeit schwierig, eine Versicherung gegen COVID-19 abzuschliessen. Die Prämien sind stark gestiegen.

Aufgrund der hohen Kursrückgänge von Unique Airport, Swiss Re und anderer «Pandemieverlierern» ist es denkbar, dass die COVID-19 Schäden bereits mehr als adäquat eingepreist sind. Somit hat ein Szenario, bei dem ein «Pandemielooserindex» in der mittleren Frist besser als der breite Markt abschneiden wird, eine hohe Realisierungswahrscheinlichkeit.


Thomas Härter
Chief Investment Officer Aquila