Das von Samuel Beckett (1906-1989), Wahlfranzose aus Irland, geschriebene Theaterstück „Warten auf Godot“ ist eine Parabel, die das Dasein als absurdes, langes und aussichtsloses Warten darstellt. Zwei Männer, Wladimir und Estragon, warten auf einer Landstrasse auf Godot, der nie kommt, obwohl sie von einem Botenjungen jeden Tag auf den nächsten vertröstet werden. Was «Godot» bedeutet, hat Beckett nie verraten und die Hauptfiguren, die zum Zeitvertreib Handlungen erfinden und zelebrieren, geben ebenfalls keinen Hinweis darauf. Auch die Finanzmärkte warten auf ihren Godot und hoffen, dass eine der folgenden Möglichkeiten eintritt:

 

Normalisierung der Geldpolitik

Die Geldpolitik umfasst alle Massnahmen zur Regelung von Ausmass und Art der Versorgung einer Wirtschaft mit Geld. Primäres Ziel ist es, den Binnenwert des Geldes stabil zu halten, sekundäres den Aussenwert in geordneten Bahnen zu halten (Währungspolitik). In Anbetracht der Finanzkrise haben alle massgebenden Zentralbanken die Geldpolitik extrem gelockert und den Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert, sowie die Auswirkungen auf die Wirtschaft gemildert.

Nach gemeisterter Krise hat das Fed ihre Politik wieder geändert nicht so die EZB. Die Gründe sind vielfältig und reichen von der Unfähigkeit oder Hemmung der europäischen Banken, die richtigen Konsequenzen zu ziehen, bis zum Unvermögen der einzelnen EU-Staaten, entsprechende Massnahmen einzuführen. Dazu kam das Problem des Euro, dessen Werterhaltung ein radikales Vorgehen erforderte. Die Fokusierung auf eine bestimmte Inflationsrate wird nicht fruchten. Neues, noch so billiges Geld wird diese genauso wenig in die Höhe treiben, wie der Wirtschaft wirklich nützen.

 

Wiederaufnahme einer Fiskal-/Finanzpolitik

Die Finanzpolitik ist die Gestaltung der öffentlichen Finanzwirtschaft. Die traditionelle Finanzpolitik sah vor, die politisch vorgegebenen Ausgaben zu decken, wobei der Wirtschaftsablauf möglichst wenig beinflusst werden soll. Da eine „neutrale“ Finanzpolitik schon länger nicht mehr möglich ist, unterscheidet man heute zwischen Allokations-, Distributions- und Stabilisierungspolitik. Die Allokationspolitik befasst sich mit der Aufteilung der Ressourcen auf die Erfüllung privater und öffentlicher Bedürfnisse. Die Distributionspolitik korrigiert die Einkommensverteilung der marktwirtschaftlichen Entwicklung und die Stabilisierungspolitik versucht, Vollbeschäftigung und ein stabiles Preisniveau zu erzielen.

Seit der Finanzkrise haben die Amerikaner zum Teil Allokations- und Stabilisierungspolitik betrieben, vor allem aber auch Distributionspolitik in Form einer breit angelegten Steuersenkung umgesetzt. Die EU hingegen hat bisher wenig bis nichts unternommen. Die einzelnen europäischen Länder sind vollauf mit eigenen Problemen beschäftigt und Brüssel findet nebst den Anstrengungen die EU zusammenzuhalten kaum Zeit für anderes. Die immer lauter werdenden Appelle der EZB für Strukturreformen und Investionsprogramme verhallen seit längerer Zeit ungehört.

 

Emotionslose und konsensfähige Staatspolitik

Ein Bonmot besagt, dass eine Gesellschaft die Politiker bekommt, die es verdient. In Anbetracht der Emotionalisierung der Gesellschaft ist ein gewisses Übergreifen in die Politik erklärbar, aber wie in der Finanzwelt auch, sind Emotionen ein schlechter Ratgeber. Sie mögen zwar Wahlen beeinflussen, ja gar gewinnen, aber die Bewährung eines Politikers beruht auf sachbezogenes, rationales Verhalten. Die Politiker wären gut beraten, ihre gutgemeinten Emotionen auf ein echtes Mitgefühl zu beschränken.

Einen Konsens zu erreichen, ist immer schwieriger als die Fortführung einer Auseinandersetzung, da er immer mit einem gewissen Verlust für beide Seiten verbunden ist. Für Politiker ist dies besonders „schlimm“, da es ein Teilverzicht auf Einfluss und Macht bedeutet. Leider (oder Gott sei Dank) drehen sich Probleme der Gesellschaft nicht um Ideologie, Religion und dergleichen, sondern fordern eine sinnvolle Lösung. Die demokratische Staatsform bietet hierfür die besten Voraussetzungen, jedoch müssen die direkt oder indirekt gewählte Volksvertreter miteinander reden und einander zuhören, um Schwierigkeiten vernünftig zu bewältigen.

 

Konsequenzen für die Anlagepolitik

Getreu der Vorlage des Theaterstücks „Warten auf Godot“ werden die Finanzmärkte wahrscheinlich vergeblich auf eine der obengenannten Godotmöglichkeiten warten müssen. Ohne Katalysator für eine positive Marktentwicklung sind die Märkte angesichts einer serbelnden Wirtschaft und einem geringen Spielraum für altbewährte Massnahmen vulnerabel. Dem Grundsatz „kein Geld verlieren ist ebenso wichtig, wie Geld verdienen“ ist mit einer hohen Liquidität und Risikoverminderung bei Anlagen nachzukommen.


Christian Wagner
Finanzberater