Nicht überraschend nimmt bei steigenden Aktienpreisen und mangelnden Investitionsalternativen für Investoren die Verlockung zu, das aufgestaute Geld an der Börse zu investieren. So kommen Special Situation Fonds von Private Equity-Unternehmen ins Spiel, um bei spezifischen Begebenheiten für Kapital zu sorgen (z.B. Advent International). Immer häufiger sind auch Börsengänge mit einem Unternehmensmantel ohne eigene Geschäftstätigkeit (SPAC, Special Purpose Acquisition Company), deren einzige Aufgabe es ist, Geld für einen Börsengang und ein Listing zu sammeln. In den USA sind im letzten Jahr bei 54 Börsengängen rund USD 13.5 Mrd. und bis im 3. Quartal des laufenden Jahres 2020 bereits gut USD 14 Mrd. investiert worden.

 

Unterschied zum normalen Börsengang

Bei einem herkömmlichen Börsengang sucht sich die emittierende Gesellschaft einen Investment Banker, der die Aktie an die Börse bringt; meist denjenigen der die besten Konditionen offeriert. Dieser berät die Gesellschaft, wie die Einzelheiten der Neuemission festzulegen sind, u.a. Zeitpunkt, Grösse, Preis usw. Es folgen ein Registrierungsgesuch an die Börsenaufsicht und ein vorläufiger Kotierungsprospekt (red herring) für die Anleger. Aufgrund dieser Angaben kann die Investment Bank die Platzierung der Emission planen, die mit dem endgültigen Prospekt vollzogen wird. In Anbetracht der Börsenregulierung und der Marktbeurteilung, die bei einer Neuemission berücksichtigt werden, kann der Anleger davon ausgehen, dass eine gewisse Due Diligence-Prüfung stattgefunden hat.

Bei einem SPAC-Börsengang sucht ein Sponsor mit einer entwicklungsfähigen Gesellschaftsidee oder -tätigkeit Gelder und/oder Anleger für einen Börsengang. Der SPAC dient dabei als Mittel (rechtsgültige Form) zum Zweck (Börsenkotierung einer Gesellschaft). Ähnlich wie bei Venture Capital-Beteiligungsgesellschaften (VC) werden die gesammelten Gelder in eine private Firma investiert, um sie möglichst rasch und unkompliziert an die Börse zu bringen. Und wie bei VC auch spielt der Ruf und Ausweis des Sponsors eine entscheidende Rolle. Die Tatsache, dass er selbst mitinvestiert, trägt zusätzlich zur Vertrauensbildung bei. Trotzdem bleiben das Investitions- bzw. das Übernahmeziel oder dessen Tätigkeit und Ausweis bei Gründung des SPAC meist unbekannt.

 

SPAC Vorteile

Für ein Unternehmen ist diese Art an die Börse zu gelangen attraktiv. Eine Fusion oder Übernahme durch ein SPAC spart Zeit und Kosten. Ein Grossteil des Papierkriegs entfällt, ein teurer Kotierungsprospekt und das aufwendige Marketing (Roadshow) sind unnötig. Sofern der Vertrag mit dem Sponsor keine ungewöhnlichen Zugeständnissen oder Konventionalstrafen vorsieht, kann das Unternehmen nur profitieren. Für den Sponsor ist ein SPAC ebenfalls interessant. Nebst den Vorteilen bezüglich Zeit und Kosten ermöglicht ein solches Vorgehen, erhebliche Summen Geld für einen nicht genau definierten Zweck aufzunehmen. Dieser „Blankoscheck“ ist zwar oft zeitlich beschränkt, meistens 24 Monate, kostet aber nichts, da bei Nichtzustandekommen lediglich das Geld zurückerstattet wird.

 

SPAC Nachteile

Nicht ganz unerwartet betreffen die Nachteile hauptsächlich die Anleger. Obwohl in den USA schon länger in Gebrauch, sind SPAC ein relativ neues Anlageinstrument und dementsprechend kaum reguliert. Die Börsenaufsichten sind sich des Mankos wohl bewusst, aber es braucht Zeit und wahrscheinlich (negative) Erfahrungen bis ein durchdachtes Reglement vorliegt. Bis es soweit ist, kann der Anleger nicht davon ausgehen, dass die Börsenaufsicht einen vorliegenden SPAC wirklich geprüft hat. Der schwerwiegendste Nachteil ist die Unmöglichkeit einer eigenen Analyse der Gesellschaft, die an die Börse gebracht werden soll. Beim Venture Capital Einsatz ist dies zwar ähnlich, aber das aufgenommene Geld wird in ein Portfolio von mehreren, nicht-kotierten Gesellschaften investiert und nicht nur in eine Einzelne (Diversifikation). Zudem berichten die VC-Gesellschaften periodisch über ihre Beteiligungen und der Anlagehorizont ist langfristig, womit Börsengänge oder Verkäufe zu einem günstigen Zeitpunkt planbarer werden.

 

Konklusionen

In Anbetracht der zunehmenden Liquidität auf den Aktienmärkten und der fehlenden Anzeichen dafür, dass diese in absehbarer Zukunft versiegt, sind vermehrt SPAC und ähnliche Anlagevehikel zu erwarten. Gemäss dem Sprichtwort „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ ist Vorsicht geboten. Eine Einzelanlage nur auf Grundlage des Bekanntheitsgrads eines Sponsors zu tätigen, ist tollkühn. So bedarf es doch ein Mindestmass an fundamentalen Eckdaten der börsenwilligen Gesellschaft. Sollte trotzdem ein Anlageinteresse bestehen, empfiehlt es sich, die Einführung abzuwarten und dem Markt Zeit zu geben, um eine Beurteilung vorzunehmen.


Christian Wagner
Finanzberater