Die alte Börsenweisheit «cut your losses and let your profits run» ist auch für den Laien verständlich und braucht weder empirisch noch theoretisch bewiesen zu werden. Dennoch haben Verwalter von Aktienportfolios Mühe, diesem Leitsatz nachzukommen und die Umsetzung desselben ist mangelhaft. Diese Konklusionen des 2018 erschienen Buchs „selling fast and buying slow“ von drei Akademikern verschiedener US-Universitäten (K. Akepanidtaworn, A. Imas, L. Schmidt) in Zusammenarbeit mit der Datenfima Inalytics gibt zu denken. Nach Überprüfung der täglichen Aktivitäten hunderter Portfolios über mehrere Jahre (> 2 Mio. Käufe und Verkäufe) gelangen sie zur Erkenntnis, dass Käufe der Performance generell geholfen, Verkäufe das Gegenteil bewirkt haben.

 

Aktienkauf

Der Kauf einer Aktie ist normalerweise das Resultat einer eingehenden Analyse von quantitativen und qualitativen Kennzahlen. Die quantitative Beurteilung genügt meist zur Auswahl von Märkten, Industrien, Sektoren und Themen, wird aber bei der Einzelaktienauswahl gefährlich. Ein bekanntes grosskapitalisiertes Unternehmen mit guten Kennzahlen für Umsatz- und Ertragswachstum, Dividendenrendite und Buchwert muss nicht von vornherein auch qualitativ genügen. Gerade hier liegt die Schwachstelle von IT-Lösungen für die Anlageberatung und Vermögensverwaltung, dessen Resultate nur auf der Grundlage einer vertieften Analyse der quantitativen Zahlen beruhen.

Die qualitative Analyse ist schwieriger, da bereits das Wort Qualität verschiedene Bedeutungen haben kann. Eigenschaft, Beschaffenheit, Güte und Wertstufe sind alles Beispiele für die Anwendung eines Begriffs, den bereits Aristoteles als eine der grundlegenden philosophischen Kategorien identifiziert hat (Realismus und Idealismus). In der klassischen Logik bedeutet Qualität die Differenzierung zwischen affirmativen, negativen oder limitativen Aussagen über die Wahrnehmung. Natürlich ist für den Aktienkauf eine affirmative Aussage unabdingbar, wobei die verschiedenen Bedeutungen des Worts Qualität am besten mit dem Adjektiv „nachhaltig“ versehen werden müssten.

 

Aktienverkauf

Dem Verkauf einer Aktie geht meist keine sorgfältige Analyse der Kennzahlen voraus, oft in der Annahme, dass sich seit dem Kauf nichts verändert hat. Bei gestiegenem Aktienkurs ist diese Haltung zwar nicht unbedingt richtig, bleibt aber ohne Konsequenzen. Bei tieferem Aktienkurs ist offensichtlich, dass die Analyse beim Kauf falsch war, aber unklar ist, welche Komponente die entscheidende Rolle dabei gespielt hat. Es würde sich zwar lohnen, den Fehler zu identifizieren (Lerneffekt) aber die Umstände (schlechte Performance, Marktturbulenzen) erfordern oft eine rasche Entscheidung. Hinzu kommen die menschlichen Aspekte: Wie lange braucht es bis die „Ausreden“ nicht mehr genügen und man sich den Fehler eingestehen muss?

Ein Verkauf kann durch eine Änderung der Strategie oder Taktik, Asset Allocation oder Sektorrotation ausgelöst werden. Die Verkaufsbegründungen bei den Einzelaktien ändern sich aber nicht. Weitverbreitet ist ein Verkauf beim Erreichen eines beim Kauf bereits vorbestimmten Kurses (target price). Es wird keine Neuanalyse gemacht und es entsteht dabei das Risiko einer Neuanlage (reinvestment risk).

 

Analyse der Kaufs- und Verkaufsentscheide

Es fällt auf, dass Kaufentscheide grundsätzlich rational gefällt werden. Die quantitative Analyse jeder erdenklichen Kennzahl geschieht objektiv und pragmatisch, wodurch das Resultat der Realität sehr nahekommt. Gefahr besteht nur in einer willkürlich gewählten Kurs- und Zeitachse, die zu einer einmaligen Situation führen kann, die nicht repräsentativ ist. Die Hauptschwierigkeit besteht in der Gewichtung von positiven, neutralen und negativen Kennzahlen.

Es ist erstaunlich, wie emotional Verkaufsentscheide gefällt werden. Mit Ausnahme von veränderten Basisannahmen und dem Erreichen eines vorbestimmten Aktienkurses sind sie überwiegend subjektiv, parteiisch und einseitig. Fallende Aktienkurse mit bis zu 5% Verlust werden als Marktschwankungen, solche mit bis zu 10% mit einmaligen Begebenheiten und solche mit über 10% Verlust mit Irrationalität des Marktes erklärt. Das Eingestehen von Fehlern braucht Zeit und die Realisierung eines Buchverlusts erst recht.

 

Cut your losses and let your profits run

Der Anleger ist gut beraten, den Verkaufsentscheiden mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Aktienposition sollte periodisch mit der Frage „dazukaufen“ oder „verkaufen“ überprüft werden und die Antwort ist konsequent zu implementieren. Verluste sind nichts Aussergewöhnliches, die Handhabung derselben ist entscheidend. Ebenso wichtig ist der Umgang mit Gewinnen. Die Gefahr, Gewinne zu früh zu realisieren, ist gross und kann am besten mit Teilverkäufen begegnet werden; es wird teilweise profitiert und lässt weiteres Potential offen.


Christian Wagner
Finanzberater