Reflektionen über Arbeitslosigkeit, Inflation und FED

Die amerikanische Zentralbank hat ihr Inflationsziel erreicht, die aktuellen Inflationsraten sind höher als die Zielinflation und machen die in der Vergangenheit zu tiefen Inflationsraten wett. Wir versuchen aufzuzeigen, warum weitere expansive Massnahmen vermutlich wenig positiven Einfluss auf die Beschäftigung haben werden, sondern lediglich die Inflation anheizen dürften. Schliesslich wenden wir uns der Frage zu, ob es Asterix und Obelix gelingt, die Römer zu verprügeln.

Der Inflationsanstieg der letzten Monate erweist sich für viele (nicht für den Autor) als persistenter als erwartet. Werden die Zentralbanken jetzt gegen Inflation ankämpfen?

 

Inflationsziel der FED erreicht

Dies stellt für die Zentralbanken ein Dilemma dar. Das Inflationsziel ist in den USA erreicht: Die aktuelle Inflation hat die Zielinflationsrate überschossen (Juli 2021 +5.4% ggü. Vorjahr), die durchschnittliche Inflation nähert sich somit zügig den erwünschten 2%. Der Anstieg der Inflationsrate und die Inflationsindikatoren legen ein zügiges Tapering nahe.

 

FED hat schon alles «zentralbankmögliche» getan, um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen

Das Ziel eines angemessen hohen Beschäftigungsgrades dürfte zwar noch nicht erreicht sein. Wie im Folgenden gezeigt wird, hat die Geldpolitik jedoch bereits fast alles getan, was sie für eine tiefe Arbeitslosigkeit tun kann. Ein weiterer Anstieg der Beschäftigung muss vermutlich mit anderen Mitteln und nicht mit expansiver Konjunkturpolitik erfolgen.  Die folgende Grafik zeigt die Anzahl offener Stellen in blau und die Anzahl Arbeitssuchender in Schwarz seit 2000. Derzeit ist das Arbeitsangebot (Unternehmen suchen Arbeiter & Angestellte) höher als die Arbeitsnachfrage (Arbeitslose suchen eine Stelle).

 

Die folgende Grafik zeigt die Anzahl derjenigen, die eine Arbeit suchen in Schwarz und die Anzahl der angebotenen Stellen in blau.

Grafik 1: Anzahl der Jobsuchenden in Tausend in schwarz und Anzahl der offenen Stellen in Tausend in blau

 

Derzeit hohe strukturelle Arbeitslosigkeit

Es fällt auf, dass die sogenannte «Mismatch-Arbeitslosigkeit» derzeit ungewöhnlich hoch ist. Diese Form der Arbeitslosigkeit liegt vor, wenn die Firmen für ihre offenen Stellen Qualifikationsprofile erwarten, denen nur wenige Bewerber im Arbeitslosenpool entsprechen. Mit anderen Worten, ein besseres Profil der Arbeitslosen, so wie es sich die Arbeitgeber wünschen, würde dazu führen, dass die Arbeitslosenquote tiefer wäre.

 

Strukturell Arbeitslose üben keinen Lohndruck aus

Normalerweise führt eine hohe Anzahl Arbeitsloser zusammen mit einer hohen Anzahl Arbeitssuchender dazu, dass die Löhne nicht stark steigen oder sogar sinken, da sich die Arbeitssuchenden gegenseitig unterbieten und die Arbeitgeber freie Auswahl zwischen vielen geeigneten Kandidaten haben. Bei einer «Missmatch-Arbeitslosigkeit» gilt dies nicht. Die Arbeitgeber werden ungeeignete Kandidaten auch dann nicht einstellen, wenn diese bereit wären, für sehr wenig Lohn oder Gehalt zu arbeiten. Ein übertriebenes Beispiel: Eine offene Stelle für einen Lungen-Chirurgen wird auch dann nicht besetzt, wenn ein Kellner oder eine Kellnerin bereit wären, diesen Job für 1 USD pro Tag zu übernehmen. Somit wirken sich die «Mismatch-Arbeitslosen» nicht lohninflationsdämpfend aus. Ergo wirken sich die «Mismatch-Arbeitslosen» auch nicht dämpfend auf die Konsumentenpreisinflation aus.

 

Strukturelle Arbeitslosigkeit kann nicht durch expansive Geldpolitik bekämpft werden

Ist die sogenannte «Mismatch-Arbeitslosigkeit» hoch, kann diese nicht durch eine expansive Geldpolitik bekämpft werden. Warum? Weil folgender Satz nicht nur falsch, sondern absurd ist: «Es gelang der FED, durch eine weitere Zinssenkung und eine noch aggressivere Bilanzausweitung, das Ausbildungsprofil vieler Arbeitssuchender zu verbessern, so dass dieses den Anforderungsprofilen der Arbeitgeber entsprach und alle offenen Stellen erfolgreich besetzt werden konnten».

Gegen die «Mismatch-Arbeitslosigkeit» ist logischerweise Konjunkturpolitik weitgehend wirkungslos. Investitionen in Ausbildung, Schulen, Universitäten können wirkungsvoll sein, zahlen sich jedoch oftmals erst nach Jahren aus.

 

Deshalb hat die Geldpolitik «fast alles» getan, was sie gegen die weiterhin zu hohe Arbeitslosigkeit tun konnte. Weitere expansive Massnahmen würden nicht mehr zu einer nennenswert tieferen Arbeitslosenquote führen, sondern «nur» die Inflation weiter anheizen. Für Experten: dies würde eine Verschiebung der Lohn-Phillips-Kurve darstellen. Jede Arbeitslosenquote würde aufgrund des Anstieges der «Mismatch-Arbeitslosigkeit» eine höhere Lohninflation entsprechen, der kurzfristige Trade-off zwischen tiefer Arbeitslosigkeit und hoher Inflation hätte sich verschlechtert.

 

Wird die FED gegen die hohen Inflationsraten kämpfen? Nein, natürlich nicht. Sie wird nur so tun…

Aller Wahrscheinlichkeit nach, wird die FED nur so tun, als ob sie gegen die hohen Inflationsraten ankämpft. Die FED-Präsidenten «spielen Theater». Warum? Es ist das unausgesprochene Ziel der FED, unerwartet hohe Inflation zu generieren. Sie möchte eine hohe realisierte Inflation bei gleichzeitig tiefen Inflationserwartungen erzeugen, damit sich der Staat entschulden kann, oder noch schlimmer, sich zu rekordtiefen Zinsen (da die Investoren tiefe Inflationserwartungen haben, die nicht in höhere Zinsforderungen eingebaut werden), weiter verschulden. Auf der nach oben nicht offenen Ehrlichkeitsskala (maximaler Wert = -100%, falls jedes Statement unehrlich ist), erreichen deshalb die meisten Zentralbanker einen, im Vergleich zu fast jedem anderen Beruf, sehr tiefen Wert. Es gibt jedoch eine optimale Unehrlichkeit, was Zentralbankpolitik betrifft, denn demjenigen, der immer lügt, dem glaubt man schnell nicht mehr, weshalb der Wert -100% nicht optimal sein kann. Die Zentralbanken werden deshalb ab und zu auch ehrlich kommunizieren und (noch seltener) sogar tatsächlich etwas gegen einen Inflationsanstieg unternehmen (damit das Vertrauen zurückkehrt und die Inflationserwartungen sinken).

Damit das «Spiel» der Zentralbanken nicht so einfach durchschaut werden kann, werden diese somit tatsächlich etwas weniger stark stimulieren, die Zinsen erhöhen sowie die Bilanzausweitung verlangsamen, um den Eindruck zu erwecken, dass man tatsächlich an tieferen Inflationsraten interessiert sei. In Wirklichkeit möchte man nur die Inflationserwartungen nach unten drücken, nicht die realisierten Inflationsraten.

 

Warum ist das so?

Politiker wollen Wahlgeschenke machen, Geld ausgeben. Zentralbanker werden durch Politiker ernannt. Manchmal ist die Wahrheit ziemlich platt und primitiv. Es gab selbstverständlich einige wenige Ausnahmen, z.B. Paul Volcker, der erfolgreich gegen die Inflation in den 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts ankämpfte, vermutlich auch die SNB, die Buba und einige andere Zentralbanken.

 

Selbstverständlich gibt es auch heute noch einige ehrliche Zentralbanker

Wir befinden uns im Jahre 2021. Alle Abteilungen aller Zentralbanken sind von Römern besetzt… Jegliche Abteilungen aller Zentralbanken? Nein! Einige von unbeugsamen Galliern bevölkerten Abteilungen hören nicht auf, den Geldvermehrern Widerstand zu leisten. Leider ist das Leben für die Zentralbanklegionäre, die in den befestigten Lagern «FED, EZB, BOJ und BOE» den ehrlichen Sparern ihren wohlverdienten Zins stehlen und den überschuldeten Staaten zuschustern, leicht. Schade nur, verfügen die unbeugsamen Gallier nicht über einen Supertrunk.

 

Zurück zur Mismatsch-Arbeitslosigkeit

Ist die Mismatch-Arbeitslosigkeit tatsächlich so hoch und warum ist sie erst in den letzten Quartalen so stark angestiegen? Vermutlich ist die «wahre Mismatch-Arbeitslosigkeit» geringer als es aufgrund von Grafik 1 den Anschein macht. Warum? Die hohen Arbeitslosenunterstützungszahlungen in den USA stellen insbesondere in den unteren Gehaltsklassen einen hohen Anreiz dar, nicht zu arbeiten, sich aber arbeitssuchend zu melden. Laufen diese Sonderzahlungen Ende August aus, dürften wieder mehr offene Stellen besetzt werden können. Deshalb dürften die Statistiken derzeit die strukturelle Arbeitslosigkeit überschätzen. Ein Teil der offenen Stellen wird derzeit nicht besetzt, weil die Arbeitssuchend-Gemeldeten lieber die Unterstützungszahlungen erhalten wollen, statt zu arbeiten oder vielleicht auch Angst haben, sich bei der Arbeit mit Covid-19 anzustecken.  Für Experten: Mit dem Auslaufen der Unterstützungszahlungen dürfte sich die Lohn-Phillips-Kurve wieder nach unten verschieben, der Trade-off zwischen Beschäftigung und Inflation wieder etwas verbessern.  Würde das Virus besiegt werden, träte eine weitere Verbesserung dieses Trade-offs ein.

Es bleiben folgende offenen Fragen:

Wer sind die Gallier? Wer ist Asterix, Obelix, Miraculix und wie könnte man diese unterstützen? Welche Bestandteile enthält der Supertrunk, wie lautet das Rezept und (wann) fällt das römische Imperium zusammen?

Dies herauszufinden und dem Autor mitzuteilen ist Aufgabe der Leser!

 

Thomas Härter
Chief Investment Officer Aquila

 

 

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um keine neuen Beiträge zu verpassen.