Ein kleiner geschichtlicher Abriss des Gold-Silber Austauschverhältnisses

 

Im ersten Teil dieser Blogserie hatten wir gesehen, dass Silber aufgrund seiner einzigartigen und besonderen chemischen Eigenschaften (grösste elektrische Leitfähigkeit, hohe Lichtempfindlichkeit, Reaktionsträgheit, antibakterielle Wirkung) über Jahrhunderte hinweg unterschiedliche Anwendungen in der Realwirtschaft hatte. Im 2. Teil des Beitrags beginnen wir die Rolle von Silber aus der Sicht der Investoren zu beleuchten. Wir starten mit einem geschichtlichen Abriss des Austauschverhältnisses zwischen Silber und Gold.

 

Änderungen in der Nachfrage

Während die Menschheit seit 6000 Jahren Schmuck aus Silber herstellt, kommen ständig neue industrielle Anwendungen, wie beispielsweise die Verwendung in der Fotovoltaik hinzu, während andere Verwendungen aufgrund des technischen Fortschritts (Silber in der Analogfotografie, Verwendung von Edelstählen in der Besteckindustrie) in die Bedeutungslosigkeit abtauchen.

 

Änderungen im Angebot

Gleichzeitig änderten sich die Gold- und Silbervorräte, welche ökonomisch gefördert werden können im Verlauf der Jahrhunderte mit Neuentdeckungen und Fortschritten in der Bergbautechnologie. Für die Zukunft wird die Wiederverwertungstechnologie eine immer grössere Rolle spielen. Wieviel Silber kann aus Elektroschrott, Handys oder Solaranlagen wiedergewonnen werden?

 

Änderungen in der Gesetzgebung beeinflussen den Silberpreis

Gelegentlich wurde Silber als einziges Zahlungsmittel akzeptiert. Zumeist erfüllte Silber mit Gold zusammen die Funktion als Zahlungsmittel und Recheneinheit. Genauso, wie die Macht- und Währungspolitik im alten Rom einen wesentlichen Einfluss auf den Preis von Silber hatte, haben heute die Umweltpolitik, die Fiskal- und Währungspolitik, aber auch die generelle Gesetzgebung, wie beispielsweise Mehrwertsteuerbefreiungen oder Änderungen der Besteuerungssätze einen enormen Einfluss auf den Silberpreis. Der institutionelle Rahmen, das Währungssystem (Silber-, Goldstandard, Bitmetallismus oder «Papierwährung») waren und sind entscheidend für die Entwicklung der Silberpreise.

 

Silber als Zahlungsmittel

Neben Gold spielte Silber eine wichtige Rolle in der Geschichte des Geldes, manchmal sogar die «erste Geige». Im Verlaufe der Jahrtausende gab es nicht nur immer wieder Goldstandards, sondern auch immer wieder Silberstandards, oder den sogenannten Bimetallismus. Auch die Existenz und die Regulierung der Terminmärkte (Papiersilber) sowie die Margenänderungen können einen wichtigen Einfluss auf den Silberpreis haben.

 

Die Gold-Silber-Ratio (GSR) ist der Preis von Gold in Silber: Wieviel Silber kostet eine Unze Gold?

Die Gold-Silber-Ratio (GSR) gibt an, wieviel Unzen Silber man für eine Unze Gold erhält. Man berechnet es, indem man den Preis von Gold durch den Preis von Silber teilt. Es gibt ca. 20-mal so viel Silber wie Gold in der Erdkruste. Deshalb muss der faire Preis von Silber jedoch keinesfalls ein Zwanzigfaches des Goldpreises betragen. Im Gegensatz zu Silber wird Gold fast nicht in der Industrie verwendet und daher weniger durch den Konjunkturzyklus und Innovationen (bspw. Erfindung der Analogfotografie, Digitalfotografie, Photovoltaik) getrieben. Silber ist Industriemetall und «ein bisschen Währung». Gold hat eine «ausgeprägtere Währungsfunktion» als Silber.

 

Längste Finanzmarktzeitreihe der Menschheit

Da Gold und Silber seit Jahrtausenden in der Kultur der Menschheit eine sehr wichtige Rolle spielten, existieren sehr lange und zuverlässige Preiszeitreihen für Gold und Silber und dem  Austauschverhältnis von Gold und Silber. Da bereits Preise von Gebrauchsgütern aus der Antike in Gold und Silber bekannt sind, kann sogar berechnet werden, wie viele heutige Schweizerfränkli beispielsweise ein Laib Brot in einer alten Hochkultur kostete.

Die Gold-Silber-Ratio dürfte die längste und am besten dokumentierte Finanzpreiszeitreihe der Menschheit überhaupt sein. Pharaonen, Kaiser, Könige, Händler der Antike, Spekulanten in alten Hochkulturen und «Reddit-Investoren» machten und machen sich Gedanken darüber, wie hoch das GSR sein sollte und ob man, aufgrund eines im Vergleich zum fairen GSR zu tiefen oder zu hohen GSR, Gold, Geld oder Silber gewinnen kann. Die Geschichte des GSR ist dabei genauso alt, wie die Kulturgeschichte der Menschheit und eng mit dieser verbunden.

 

Ein kleiner geschichtlicher Abriss des GSR

Im alten Ägypten wurde Silber zunächst als wertvoller als Gold betrachtet, das Austauschverhältnis lag lange Zeit unter 1 und man brauchte somit weniger als 1 Unze Silber, um eine Unze Gold zu kaufen. Dies lag vermutlich hauptsächlich daran, dass den alten Ägyptern die Goldförderung bergbautechnisch leichter fiel als die Silberförderung.

Das römische Imperium setzte das Gold-Silber-Verhältnis über Jahrhunderte offiziell auf 12:1 fest.

Mittelalterfans, die gleichzeitig Bullionfans sind, erfahren hier Gründe, warum das GSR zwischen 14.2 und 9.4 schwankte.

 

Goldfunde in der Neuen Welt lösen Wirtschaftsboom und «erste Inflationswelle der Neuzeit» aus

Mit der Entdeckung der Neuen Welt und der Ausbeutung neuer, riesiger Gold- und Silbervorkommen[1] weitete sich durch die Verschiffung der Edelmetalle nach Portugal und Spanien die Geldmenge stark aus, was zu einem ökonomischen Boom in diesen Ländern führte, der sich langsam auf die ganze alte Welt ausdehnte. Es handelte sich um einen der grössten expansiven geopolitischen Schocks, da das Geldangebot in der alten Welt explosionsartig anstieg. Dieser entlud sich nach einer Zeit, indem die Realwirtschaft prosperierte, in einem starken Anstieg der Inflation. Die Historiker nennen diese Periode «The Price Revolution». Das Phänomen der fast immer positiven Inflation, wie es heute als normal gilt, hatte es in Europa vor dem 16. Jahrhundert nicht gegeben.[2] Es war die Regel, dass Reallohnsteigerungen bei konstantem Nominallohn durch sinkende Preise erzielt wurden (soweit man damals überhaupt bereits von «Lohn» sprechen konnte.) Wie «heute» war es im «Neuen Regime der Geldausweitung» aufgrund der Edelmetallfunde damals vorteilhafter, überschuldet als solvent zu sein, da die nominell fixierten Schulden schnell immer weniger wert wurden und alle Preise schnell anstiegen. Die Entdeckung der Neuen Welt 1492 und nicht zuletzt die Entdeckung riesiger Edelmetallvorräte (die einheimischen «Indianer» hatten riesige Goldvorräte angelegt) begünstigten bzw. ermöglichten vielleicht sogar erst einen 500-jährigen ökonomischen und militärisch-geostrategischen Boom Europas.

1497 wurde das Austauschverhältnis im Edikt von Medina in Spanien auf 10.07 festgelegt. Von 1700 bis 1870 schwankte das GSR mit moderaten Schwankungen um 15.5.

Präsident Roosevelt setzt 1934 den Goldpreis auf 35 US-Dollar fest. Silber verlor seinen Status als gesetzliches Zahlungsmittel in vielen Ländern 1935, als der Silberstandard weitgehend beendet und Bretton Woods umgesetzt wurde und eine alleinige Anbindung an das Gold erfolgte.

Danach kam es mit höheren Schwankungen zu einem systematischen Anstieg bis auf fast 100 (1939). Silber war vermutlich ein kriegswichtiger Rohstoff (u.a. für Spiegeloptiken und Bildentwicklung).

1944 wurde das Bretton Woods Agreement abgeschlossen. Die meisten Währungen wurden fest an das Gold gekoppelt, das GSR begann zu sinken. Aber auch in den 60er- und 70er-Jahren, nachdem Ende von Bretton Woods, sank das GSR tendenziell.

1980 sank das GSR kurz auf 16, der Goldpreis stieg aufgrund der Silberspekulation der Brüder Hunt auf fast 50 Dollar pro Unze. Mit dem Scheitern des Versuchs der Gebrüder Hunt, den Silbermarkt «zu kornern»,  erfolgte ein rascher Anstieg des GSR auf 94.8 1991, als der Silberpreis auf unter 4 US-Dollar pro Unze sank.

Während des 21. Jahrhunderts schwankte das Verhältnis zwischen 45:1 und 75:1. 2018 wurde mit 104.98 ein lokales Maximum erreicht. Der tiefste Wert lag 2011 bei rund 40:1.

Eine grafische Darstellung des GSR seit dem 12. Jahrhundert für das Vereinigte Königreich finden Sie hier.

 

Zusammenfassung

Das GSR schwankte im Verlauf der Jahrtausende massiv zwischen unter 1 im alten Ägypten und 105 im Jahre 2018. Dabei gab es verschiedene «Gold-Silber Preisregimes», die über längere Zeiten stabil waren. Mit der Erfindung von rostfreiem Edelstahl, dem Wechsel der Währungsregimes und dem Aufkommen von Papierwährungen, die durch «nichts» mehr geankert sind, hat die Volatilität des Silberpreises gemessen in Gold (aber auch in Papierwährungen) stark zugenommen. Gleichzeitig verlor Silber im Vergleich zu Gold deutlich an Wert und verliess das zuvor geltende, recht stabile Austauschverhältnis.

Damit stellen sich einige Fragen: Was in aller Welt ist ein «faires» Austauschverhältnis zwischen Gold und Silber? Was ist der faire Preis von Silber? Kann man mit Silberinvestitionen etwas verdienen und wenn ja, wie?

 

Im 3. Teil werden wir versuchen, die Frage zu beantworten, ob Silber eher teuer oder günstig ist und ob sich Investitionen lohnen könnten. Wir gehen auch der Frage nach, wie am besten in Silber investiert werden könnte.

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