Neue Technologien verändern die Finanzindustrie nachhaltig und die COVID-Pandemie beschleunigt die Digitalisierung der Banken-Infrastruktur. Tangiert vom digitalen Wandel werden alle Bereiche – von der Abwicklung von Kunden-Transaktionen bis zu den Entscheidungen auf der obersten Managementebene: Die Digitalisierung beschleunigt die Prozesse, verbessert die Effizienz und erhöht die Transparenz der Arbeitsabläufe.

Automatisierung des Risikomanagements hinkt hinterher

Insgesamt hat die Pandemie in den vergangenen Monaten im Bankensektor und anderswo die Transformation bzw. Automation der Prozesse und des Kundenmanagements beschleunigt. Umso erstaunlicher mutet es an, dass bei vielen Banken die Digitalisierung gerade in einem so sensiblen Sektor wie dem Risikomanagement weniger fortgeschritten ist als in anderen Bereichen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „From Crisis to Opportunity: Redefining Risk Management“ von Longitude, einer Tochtergesellschaft der Financial Times und SAS, einem Analytics- und Softwareanbieter. In der im Juli 2021 veröffentlichten Studie wurden 300 Führungskräfte von Banken aus 24 Ländern befragt. Zu Wort kamen auch die Chief Risk Officers Mandy Norton (Wells Fargo), Sadia Ricke (Société Générale), Han Hwee Chong (RHB Banking Group) und Mark Smith (Standard Chartered Bank).

Demnach haben erst rund 10% der Banken ihr Risikomanagement bereits weitgehend automatisiert. Den grössten Teil der Prozesse zur Risikomodellierung vollständig automatisiert haben nur 6% der befragten Institute. Dieser Mangel an Automatisierung schränkt die Finanzinstitute bei der Vorhersage von Trends, der Ergebnisentwicklung oder bei der Verbesserung ihrer Entscheidungsfindung in sämtlichen Geschäftsbereichen ein.

Der fortschrittliche Teil der Banken, die in der Digitalisierung des Risikomanagements vorangehen, ernten den Angaben zufolge bereits die ersten Lorbeeren in Form von Wettbewerbsvorteilen. Die Systeme sind widerstandsfähiger geworden, das höhere Automatisierungsniveau lässt genauere Vorhersagen künftiger Trends und Ertragsprognosen zu.

Diese Führungsriege der Banken (ca. 20% der untersuchten Institute) werden als Risk Management Leader bezeichnet. Sie haben demnach einen höheren Reifegrad im Risikomanagement als der Rest der untersuchten Stichprobe. Diese Leader erstellen häufiger automatisierte Risikomodelle und nutzen moderne Prozesse und Hilfsmittel (Neudeutsch: Tools) wie Szenarioanalysen oder ein integriertes Bilanzmanagement.

Die Vorreiter seien durch ihre Investitionen in die Risikotechnologie unter anderem in der Lage, Vorhersagen weiter im Voraus zu treffen. Auch regulatorische Stresstests könnten durch die Automatisierung der Abläufe des Risikomanagements schneller umgesetzt werden, heisst es in den Statements der Bankprofis. Zudem habe sich die Performance der Vorreiterbanken „in mehreren operativen Kernbereichen“ verbessert.

 

 

Erhebliche Wettbewerbsvorteile

Im Detail sehen 73% der Vorreitergruppe in ihrem Prozess zur Risikomodellierung einen Wettbewerbsvorteil. In der Gesamtgruppe geben dies 47% an. Weitere 37% der Vorreiter schätzen die Genauigkeit ihrer Gewinn- und Verlustprognosen als sehr hoch ein. In der Gesamtgruppe sagen das nur 14%. Und 44% der Risk Management Leader sind in der Lage, Bilanzprognosen für mindestens drei Jahre im Voraus zu erstellen. In der gesamten Stichprobe können das lediglich 19%. Aus der Vorreitergruppe geben 78% an, dass ihr Institut bereits regulatorische Stresstests in die Geschäftsplanung eingebunden hat. In der Gesamtbetrachtung sagen das nur 45%.

Die Studie zeigt auch, dass die Pandemie den Modernisierungsprozess im Risikomanagement nachhaltiger und stärker beschleunigt als irgendwelche regulatorischen Vorgaben. Das bestätigen gut die Hälfte der Befragten. 54% der in der Studie kontaktierten Institute wollen ihrer Risiko-Modellierungskompetenzen in den kommenden zwei Jahren modernisieren und entsprechend in die technische Infrastruktur (Cloud-Technologie als auch Hard- und Software für die Datenanalyse) sowie vor allem in Fachpersonal investieren. Das ist ein Knackpunkt: Kompetenzträger und Spezialisten sind rar. Die Herausforderungen, denen sich die Banken bei der Anpassung ihres Risikomanagements konfrontiert sehen, sind also recht gross.

 

 

PwC: Risikosteuerung der Banken in nachhaltigem Wandel

In ihrer Studie “Risk Management 2025“ stellt die Beratungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers (PwC) fest, dass die Risikosteuerung der Banken „in einem nachhaltigen Wandel“ begriffen ist. Dr. Sami Khiari, Risiko-Experte und Partner bei PwC Deutschland, drückt es so aus: „Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass die Herausforderungen komplexer werden und nichtfinanzielle Risiken nur unpräzise antizipiert werden können. Die Analyse der Vergangenheit bleibt, hinzu kommt mehr und mehr die Vorhersage und der Blick auf die Risiken der Zukunft.“ Dies führe „zu einer umfassenden Transformation im Risikomanagement selbst, als auch der Organisation und Integration in das Geschäftsmodell einer Bank“. Für die Studie wurden 80 Senior Risk Officers von 60 internationalen Banken befragt.

Wesentliche Herausforderungen sehen die Interviewten in einer stärkeren Betonung der operativen Widerstandsfähigkeit und der Integration der Risiken. Etwa zwei Drittel der Banken machen den grössten Veränderungsbedarf der nächsten drei Jahre bei den nichtfinanziellen Risiken aus. Während die meisten der von PwC kontaktierten Institute die Abdeckung nichtfinanzieller Risiken erweitern und in neue Fähigkeiten investieren, sei „industrieübergreifend ein erheblicher Sprung erforderlich“. Nur mit einem solchen Kraftakt „können zukunftsorientierte und datengestützte Erkenntnisse gewonnen werden“. Dazu zählen die Autoren der Studie auch „eine engere Verzahnung der Risiko- und Compliance-Funktion“.

 

 

Operationelle Widerstandsfähigkeit ein zentrales Element

Eine weitere Priorität liegt für die Banken darin, dass Risikoverantwortliche innovative Ansätze entwickeln, thematischen und nichtfinanziellen Risiken zu begegnen. Die grössten Gefahren für die Finanzbranche werden in Cyber-Risiken und ESG (je 77%), sowie zunehmender Regulation (62%) gesehen. Unter ESG (= Evironmental, Social and Corporate Governance) versteht man das kollektive Bewusstsein eines Unternehmens für soziale und ökologische Fragen. Hinzu kommen laut der Studie Betrug, „Geldwäsche, oder die ständig wachsende Abhängigkeit von einem komplexen Netz aus Dritt-, Viert- und Fünftparteien“. Da die wachsende Zahl an Risiken nur schwer oder gar nicht vorhersagbar sei, werde die operative Widerstandsfähigkeit zu einem zentralen Instrument für die Geschäftsleitung.

Die Branche befinde sich „noch in einem sehr frühen Stadium der Analyse. Herausforderungen im Zusammenhang mit Daten und Infrastruktur könnten dazu führen, dass die Risiken und Chancen nicht hinreichend abgeschätzt werden können“, gibt die Studie zu bedenken. Dies führe zu teilweise „deutlich gesteigertem Personalbedarf für den Bereich nichtfinanzieller Risiken“. Die Rekrutierung der „richtigen“ Mitarbeitenden komme existenzielle Bedeutung zu.

Der ideale Risikoexperte der Zukunft müsse eine Vielzahl „entscheidender Wettbewerbsvorteile“ generieren können, „um die Einführung neuer Technologien voranzutreiben, die Risikokultur zu verbessern und Kosten zu senken“. Typischerweise habe das Risikomanagement der befragten Institute einen Anteil an der Gesamtbelegschaft von nur 2% bis 4% – „häufig mit enormem Kostendruck auf die Risikoorganisation (bis zu 15%)“. Bei einigen Instituten seien es gar mehr als 25% der Gesamtkosten, die auf das Risikomanagement entfallen. Hier entstehe „ein starkes Spannungsfeld, in dem Wert und Nutzen der Risikofunktion deutlich stärker herausgearbeitet werden müssen“, mahnt PwC.

 

 

Automatisierung und Digitalisierung schreitet schnell voran

Technologisch setzen die Banken zur Steuerung der Risiken verstärkt auf Big Data, künstliche Intelligenz (KI) und Machine Learning, heisst es weiter. Langfristig erhofften sich die Banken durch die Digitalisierung des Risikomanagements Kostensenkungen um bis zu 25%. Die Digitalisierung der Risikosteuerung sei deutlich vorangeschritten. „Wir beobachten signifikante Investitionen in Systeme, Tools und erweiterte Analytics-Kapazitäten“, sagt PwC-Risikoexperte Dr. Sami Khiari.

Der Aufbau dynamischer und zukunftsorientierter Analysefunktionen, z.B. zur Erfassung von Extremszenarien wie Kreuzrisiken und Ausreisser-Ereignissen, werde oft erst mit künstlicher Intelligenz möglich. Dies zeigt auch die rapide Zunahme der KI-basierten Tools und Modelle, die im Risikomanagement der Banken eingesetzt werden.

Risikofunktionen müssen mit der Geschäftstransformation Schritt halten, um Kostenanforderungen zu begegnen, Engpässe zu kontrollieren und eine deutliche Verbesserung der Effektivität und Effizienz voranzutreiben, heisst es abschliessend in der PwC-Studie. Das „essenzielle Mandat der Risikofunktion“, bestehe darin, „den Risikoappetit der Bank unabhängig zu kalibrieren bzw. übergreifend zu steuern“. Dies hätten 90% der befragten Banken erkannt.


Manfred Kröller

Finanzjournalist

 

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