Nach einer Aufwärtsbewegung während gut einem Jahrzehnt hat das 1. Quartal 2020 den Anlegern das Risiko von Aktienanlagen wieder vor Augen geführt. Zwar hat der April einen guten Teil der Verluste wieder wettgemacht, aber die Gründe für diese Erholung sind alles andere als fundiert. Sie basieren nämlich auf der Erwartung, dass alles relativ schnell zur «Normalität» wird und dass der angerichtete Schaden (Wirtschaftseinbruch) durch die beispiellosen Staats- und Zentralbankhilfen aufgefangen werden kann.

Auch wenn die pekuniären Verluste in Grenzen gehalten werden könnten, sind die Folgeschäden (Konsum- und Unternehmensverhalten) noch kaum zu erfassen. Zudem besteht die Gefahr, dass die Risiken von Aktienanlagen nicht mehr geläufig sind.

 

Gesamtmarkt

Gemäss CAPT (Capital Asset Pricing Theory) wird Risiko als Unsicherheit oder Variabilität von erwarteten Erträgen definiert. Sie wird mathematisch durch Standardabweichung (Kovarianz zwischen erwartetem und tatsächlichem Ertrag) erfasst. Bereits die Berechnungsformel zeigt auf, dass dieses Risiko nur auf Grund von Erfahrungswerten erfasst werden kann. Das Coronarisiko ist, wie das tail-end-risk in der Finanzkrise, nicht quantifizierbar, darf aber nicht jetzt schon als nicht relevant vernachlässigt werden. In der Theorie gilt das Marktrisiko als systemisch und damit als nicht wegdiversifizierbar. In der Praxis genügt, nicht voll investiert zu sein, um dieses Risiko zu verkleinern.

 

Einzelaktien

Das Risiko von Einzelaktien gilt als nicht-systemisch und minimierbar, obwohl Studien zeigen, dass                  30-50% ihres Risikos marktbedingt sind. Immerhin kann eine beträchtliche Risikoverminderung durch Diversifikation (Anzahl Positionen) erzielt werden. Studien zeigen jedoch, dass dieser asymptotische Effekt ab rund 35 Positionen verloren geht; ideal sind demnach 10-15 gleich grosse Aktienpositionen. Leider führen Unter- und Übergewichtung der Positionsgrössen zu kaum kalkulierbaren Resultaten. Die Optimierung der einzelnen Koeffizienten Alpha (Mehrrendite als Markt), Beta (Verhältnis Rendite zum Markt) und Rho (Variabilität zum Markt) können das Risikoprofil ebenfalls senken.

 

Finanzprodukte

Aktienfonds gibt es heutzutage für jeden erdenklichen Zweck und diese sollen nach wie vor dem einzelnen Anleger (retail client) die Möglichkeit geben, von professioneller Expertise zu profitieren. Es gibt leider wenig Beweise, dass diese den zugrundeliegenden Index (Benchmark) über die Zeit tatsächlich schlagen können, sodass die Risikoanalyse auf das Risiko des betroffenen Referenzindex beschränkt bleibt. Eine Ausnahme bilden geschlossene Fonds (Closed-end funds), die nicht täglich zu Net Asset Value (NAV) bewertet werden, sondern deren Preis im Handel bestimmt wird. Die Tatsache, dass sich dieser zum Teil erheblich vom inneren Wert entfernen kann (premium/discount), führt zu zusätzlichem Risiko oder Potential für den Anleger. Es versteht sich von selbst, dass die Beurteilung von Fondsmanagement am wichtigsten ist und bei fallendem Index weniger Geld zu verlieren wichtiger ist, als bei steigendem Index mehr Geld zu verdienen.

Das wohl beliebteste Fonds-Produkt sind ETFs (Exchange Traded Funds). Diese sind  börsengehandelt, bilden meist einen Index 1:1 ab und sind erheblich billiger als normale Fonds. Dennoch gibt es auch hier einige Risiken, die nicht so offensichtlich sind. Bewegungen im Fondsvermögen müssen zwar unmittelbar nachvollzogen werden, der Fondsmanager kann aber die Veränderungen mit Derivaten abbilden und somit ein neues Risikoelement einführen. Oft werden auch die liquidesten Teile des Fonds „gehandelt“ und die Volatilität dadurch erhöht. Wie bei den aktiv verwalteten Aktienfonds gibt es neuerdings auch „aktive“ ETFs, wobei beispielsweise in dividendenstarke Substanz- oder Wachstumstitel investiert wird. Equal-Weight-Indexprodukte machen risikotechnisch am meisten Sinn, da alle Unternehmen gleich stark gewichtet sind. So kommt eine „echte“ Diversifikation  zustande, wobei Klumpenrisiken wie im S&P500 vermieden werden können, bei dem die fünf Aktien Alphabet, Amazon, Apple, Facebook und Microsoft zusammen bereits eine Gewichtung von mehr als 20% ausmachen. Beim SMI sind es mit Nestle, Novartis und Roche rund die Hälfte.

Böse Zungen behaupten, dass strukturierte Produkte von nicht entlassenen Investment Bankern kreiert wurden, um dem Arbeitgeber eine neue Einnahmequelle zu erschliessen. Auch wenn dies eine Übertreibung sein sollte, ist der „normale“ Anleger kaum in der Lage, die darin enthaltenen Risiken zu identifizieren.


Christian Wagner
Finanzberater