Gemanagte Finanzmärkte? Verkehrte Welt in der Kunst und an den Finanzmärkten

Wir versuchen, die Finanzmärkte vor dem Hintergrund der massiven Stimuli der Notenbanken und der riesigen staatlichen Rettungspakete zu analysieren. Sie erfahren auch, was die Zentralbankpolitik mit Pieter Bruegel und Hieronymus Bosch zu tun haben könnte.

 

Scharfe Rezession wird mit aggressivsten Rettungspaketen und aggressivster Notenbankpolitik aller Zeiten bekämpft

Der grösste Crash in der jüngeren Geschichte sowie die daraus zu erwartende, dramatische Rezession führten zu den grössten Bail-Out-Rettungsversuchen aller Zeiten.

Es könnte sein, dass der in Zukunft dominierende Einfluss auf die Finanzmärkte nicht mehr der Konjunktur- und Gewinnzyklus, sondern die Zentralbankpolitik und Finanzpolitik sein wird. Seit geraumer Zeit gelingt es den Zentralbanken, aus schlechten Nachrichten gute Nachrichten zu machen, indem sie, unter Inkaufnahme der allerschrecklichsten Kollateralschäden, «alles tun, damit Anleihen und Aktien steigen oder zumindest nicht fallen». Dies wurde bereits im Aquila-Blogpost «Der Pawlowsche Investor» thematisiert.

 

Zentralbanken kreieren eine verkehrte Welt, die sich auch künstlerisch darstellen lässt

Falls dies der Fall sein sollte, wären gewisse ökonomische Marktregeln nicht nur gebrochen, sondern genau in das Gegenteil verkehrt. Je schlechter die Wirtschaftsnachrichten, desto stärker die Eingriffe der Notenbanken und der Fiskalpolitik, desto höhere Aktienpreise, desto höhere Junkbond-Preise usw.

In gewisser Weise würde der Konjunktur- und Gewinnzyklus dann doch der dominierende Einfluss auf die Finanzmärkte bleiben, nur mit verdrehtem Vorzeichen.

Eine verdrehte Welt lässt sich auch künstlerisch darstellen. Ein Beispiel: «Das Haus auf dem Kopf».

Nach Ansicht des Autors charakterisiert jedoch die «Verkehrte Welt» von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel am besten die derzeitige Zentralbankpolitik.

 

Umverteilung zu Gunsten der heutigen Generation auf Kosten der Ungeborenen

Die massiven Eingriffe der Zentralbanken können als «Verteilungspolitischer Kampf» interpretiert werden. Die Manipulation der Zinsen entgegen der Marktkräfte nach unten (Subventionierung der Schuldner, Besteuerung der Gläubiger) führt u.a. zu folgenden «Moral Hazard»-Problemen: Incentivierung, sich über beide Ohren zu verschulden, eine aggressive Anlagestrategie zu fahren (frontrunning the central banks; kaufen, bevor die Zentralbanken kaufen, Don’t fight the FED) ineffiziente Kapitalallokation, Umverteilung zugunsten grosser, börsenkapitalisierter Unternehmungen und zulasten kleiner, nicht kotierter Firmen.

Ein solches anti-marktwirtschaftliches System ist charakterisiert durch einen massiven Schuldenaufbau, welcher durch jede Krise und die dadurch ausgelösten Bail-Outs an Dramaturgie gewinnen wird. Alle Finanzmarktvariablen welche Knappheit anzeigen sollen, werden nicht nur ausser Kraft gesetzt, sondern in das Gegenteil verkehrt. Das System ist hochgradig ineffizient und selbstzerstörerisch. Kurzfristig gewinnen diejenigen, die heute grosse Summen riskant angelegt haben (wie alt sind wohl die Entscheidungsträger in der Geld- und Fiskalpolitik?). Langfristig verlieren all diejenigen, die wenig in riskante Anlagen investiert haben und zukünftige Generationen (können die Ungeborenen die Geld- und Fiskalpolitik von heute, unter der sie in Zukunft leiden werden, irgendwie beeinflussen?).

Lassen Sie sich deshalb vom Kampf der Geldkisten und Sparbüchsen / The Battle about Money (Pieter Bruegel, nach 1570) inspirieren.

 

Chance oder Risiko eines Melt-Ups, einer zentralbankorchestrierten Überbewertungsblase hoch

Das Risiko, dass die Unterdrückung von Investitionsrisiken, die Subventionierung der Schuldner zu Lasten der Gläubiger mitten in einer scharfen Rezession eine gigantische Überbewertungsblase kreiert, ist sehr hoch.

Grafik 1 zeigt das Shiller-Kursgewinnverhältnis für den S&P500 bezogen auf den Indexstand 2823 vom 04.05.2020. Mit einem Kurs-Gewinnverhältnis von rund 26.5 sind Aktien historisch eher teuer im Vergleich zur eigenen Geschichte, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass sich die amerikanische Wirtschaft derzeit in der Rezession befindet. Wenn man Aktien relativ zu Anleihen betrachtet, kann man jedoch zum Schluss kommen, dass Anleihen im Vergleich zu Aktien «überbewerteter» sind.

Grafik 1: Shiller-Kursgewinnverhältnis S&P500 seit 1880

Shiller-Kursgewinnverhältnis S&P500 seit 1880
Quelle: Homepage Robert Shiller http://www.econ.yale.edu/~shiller/data.htm und eigene Berechnungen

Ist es überhaupt noch möglich, Prognosen für die Aktienmärkte zu erstellen?

Wie lange gelingt es den Zentralbanken, die ökonomischen Gesetze in das Gegenteil zu verkehren? Wie ausgeprägt ist der Wille der Administration Trumps und der FED, dass der NASDAQ und S&P500 weiter steigen? Hat Präsident Trump für sich selbst und seine Wähler ein noch höheres Kursziel vor Augen? Wir können diese Fragen nur schwer beantworten.

Solange die Zentralbanken in ihrer «whatever it takes»-Policy nicht durch «Gegenmächte» gestoppt werden, kann der Wille der Zentralbanken, zentralplanerisch alles zu retten, was immer dies auch kosten mag, nicht gestoppt werden.

«Der Markt» bzw. die ökonomischen Gesetze können die Zentralbanken nur dann stoppen, wenn entweder das von den Zentralbanken zum Aufkauf «von allem» geschaffene Geld aufgrund eines Inflationsproblems nicht mehr akzeptiert wird oder die Instabilität des Finanzsystems so hoch ist, dass die Anleger in die extreme Sicherheit, letztendlich in schuldenfreie Realwerte (wie Immobilien) oder in Gold fliehen.

Der COVID-19 Schock dürfte kurz- und mittelfristig eher deflationär und nur langfristig inflationär wirken. Die Bekämpfung der Instabilität des Finanzsystems durch die Zentralbanken kann somit vermutlich solange gelingen, bis ein ernsthaftes Inflationsproblem auftaucht. Somit hängt die zukünftige Entwicklung der Aktienmärkte vermutlich in erster Linie vom Willen der Zentralbanken ab. Dieser ist dem Autor nicht bekannt. Es erscheint jedoch plausibel zu sein, dass diese «noch nicht zufrieden sind».

 

Das Einzige, was man vielleicht sagen kann…

Damit die Aktien auf den derzeitigen Niveaus bleiben oder weiter steigen, muss die Bilanzausweitung der Zentralbanken beibehalten werden, die Marktmanipulationen fortgesetzt oder vermutlich noch deutlich aggressiver umgesetzt werden. Deshalb lassen sich derzeit nur Interventions- und Aktienprognosen kombiniert erstellen.

Zum Schluss dieses Beitrags drängt sich eine letzte Frage auf:

War der Schöpfer der verkehrten Welten Hieronymus Bosch auf Drogen?


Thomas Härter
Chief Investment Officer Aquila