Ein Jahreswechsel ist immer von Überlegungen zur Vergangenheit und Zukunft geprägt. Das erlebte Vergehen von Gegenwart zu Vergangenheit sowie von erwarteter Zukunft zur Gegenwart bietet die Möglichkeit, eine längere Zeitperiode zu analysieren. Es bietet auch die Gelegenheit, sich der „Zeitkompression“ der digitalen Welt zu entziehen und die Ereignisse in einem vernünftigen Zeitrahmen einzuordnen. Doch was ist die Zeit und wo stehen wir heute?

 

Zeitbegriffe

Die objektive (absolute) Zeit ist eng mit der Entwicklung der Astronomie, der theoretischen Physik sowie der Uhr und dem Kalender als Zeitmesser verbunden. In der klassischen Physik wurde vorausgesetzt, dass es eine absolute Zeit gibt, in der zwei Ereignisse entweder gleichzeitig erfolgen oder einen Zeitabstand haben, die unabhängig von der Art der Messung sind. Nach der speziellen Relativitätstheorie von Einstein sind jedoch zeitliche und räumliche Angaben nur relativ zu einem Bezugssystem streng definiert. Da die Natur kein erkennbares Bezugssystem aufweist, ist es nicht sinnvoll, von einer absoluten Zeit zu sprechen.

Die subjektive Zeit oder das Zeiterlebnis bzw, -bewusstsein ist Gegenstand der Psychologie, da die Geschwindigkeit des erlebten Zeitablaufs erheblich variieren kann. Sie ist sowohl von der Wichtigkeit des Ereignisses als auch der emotionalen Verfassung des Erlebenden abhängig. „Erfüllte“ Zeitstrecken mit vielen Ereignissen innerhalb einer bestimmten Zeitperiode erscheinen kürzer als „leere“ Zeitstrecken mit wenigen oder gar keinen Ereignissen (Langeweile). Mit zunehmendem Alter verkürzt sich auch die subjektive Erlebniszeit.

Die Zeitschwelle bezeichnet die Zeitmenge, die eine Erfassung kleinster Zeiträume oder die Unterscheidung von Zeitstrecken erlaubt. Die absolute Zeitschwelle ist die Zeitmenge, die zwischen zwei Ereignissen verstreichen muss, damit sie getrennt erfassbar sind. Sie betrifft auch die Zeitmenge, die ein Ereignis dauern muss, damit der Eindruck zeitlicher Ausdehnung entsteht. Die relative Zeitschwelle bezeichnet die Zeitmenge, um die sich zwei objektive Zeitstrecken unterscheiden müssen, damit der Mensch sie auch als unterschiedlich wahrnehmen kann (rund 1 Sekunde).

 

Zeiterfassung

Der Kalender ist der Versuch, die astronomisch begründete Einteilung der Zeit festzuhalten. Weil sowohl Sonnen- als auch Mondjahre berücksichtig werden müssen, ergeben sich Probleme. Da das aus 12 Mondumläufen bestehende Mondjahr 11 Tage kürzer ist als das Sonnenjahr, behilft man sich mit dem Kunstgriff Schaltjahr, um dies einigermassen zu kompensieren (Julianischer Kalender 46 v. Chr.). Da der Frühlingsanfang am Konzil von Nicäa (325) auf den 21. März festgelegt worden war und das julianische Jahr um 0.0078 Tage zu lang war, entstanden offensichtliche Differenzen, die 1582 von Papst Gregor XIII. mit dem Gregorianischen Kalender behoben wurden. Die Geschäfts- und Finanzwelt braucht/verwendet diesen Kalender, obwohl es auch noch jüdische, muslimische und chinesische Kalender gibt, die alle auf den Mondzyklus aufgebaut sind.

 

Standortbestimmung

Die Selbstzufriedenheit der Finanzmärkte irritiert. Natürlich ist die Erholung nach der scharfen Korrektur im 1. Quartal 2020 zu begrüssen, aber es gibt immer weniger Gründe für eine längerfristige Fortsetzung. Eine absehbare Impfung gegen Corona macht wohl Schlagzeilen, ändert aber kaum etwas an den fehlenden fundamentalen Voraussetzungen. Der Präsidentenwechsel in den USA macht den internationalen Dialog sicher gesitteter, doch sind keine grossen Veränderungen in „America first“ zu erwarten. Europa stehen unverändert ein Brexit und die Schwierigkeiten mit Polen und Ungarn bevor.

Die Finanzrepression ist noch lange nicht beendet. Im Gegenteil, die Zentralbanken haben auf absehbare Zeit ihre „Nullzinspolitik“ bestätigt, ebenso ihre Bereitschaft, Schuldverschreibungen fast jeglicher Art zu kaufen. Die Folge davon ist ein Obligationenmarkt, dessen Kreditwürdigkeit zu denken gibt, von einer möglichen Verletzung der untersagten Staatsfinanzierung nicht zu sprechen. Alles zu einer Zeit, in der die weltweite Staatsverschuldung eine schwindelerregende Höhe erreicht hat.

Die Aktienmärkte profitieren schon länger von TINA (There Is No Alternative) aber das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den MSCI World notiert bereits über 30x, rund 50% höher als noch anfangs dieses Jahres. Adjustiert man die Gewinne um Aktienrückkäufe und fraglichem Goodwill, so ist diese Zahl bedeutend höher. Zudem profitieren die gebräuchlichen Indices von einer geringen Anzahl an Aktien wie Technologie (S&P 500) oder Pharma und Nahrungsmittel (SMI).


Christian Wagner
Finanzberater