Immer mehr Investoren berücksichtigen in ihren Anlageentscheidungen die Nachhaltigkeit. Sie investieren ESG-konform, also nach den Kriterien von Umwelt- und Sozialverträglichkeit sowie guter Unternehmensführung (Environment, Social, Governance, ESG). Das ist in der Praxis nicht einfach. Aktien und auch verstärkt Anleihen sind die wichtigsten Komponenten nachhaltigen Investierens.

Verantwortungsvolles Anlegen etabliert sich

Das von den Vereinten Nationen (UN) unterstützte internationale Investorennetzwerk UN Principles for Responsible Investment (Prinzipien für verantwortliches Investieren, UN PRI) hat sechs Prinzipien für verantwortungsvolles Anlegen aufgestellt, die es umzusetzen gilt. So will UN PRI zu einem nachhaltigeren globalen Finanzsystem beitragen.

Mit ihren sechs Zielen – sie sind freiwillig und unverbindlich – verpflichtet sich die PRI-Vereinigung (PRI Association):

  • ESG-Themen in die Investmentanalyse- und Entscheidungsprozesse einzubeziehen,
  • „aktive Inhaber“ zu sein und ESG-Themen in die eigene Eigentümerpolitik und -praxis zu integrieren,
  • auf angemessene Offenlegung von ESG-Themen bei den Unternehmen zu achten, in die investiert werden soll,
  • die Akzeptanz und die Umsetzung der Grundsätze in der Investmentindustrie voranzutreiben,
  • zusammenzuarbeiten, um die eigene Effektivität bei der Umsetzung der Grundsätze zu steigern,
  • jeweils über die eigene Aktivität und Fortschritte bei der Umsetzung der Grundsätze zu berichten.

Verantwortungsvolles Anlegen ist keine Nischenstrategie mehr. Per Ende März 2020 zählte UN PRI nach eigenen Angaben weltweit mehr als 2700 Unterzeichner, 29% mehr als ein Jahr zuvor. Die von den UN PRI-Mitgliedern betreuten und nach deren Nachhaltigkeitskriterien verwalteten Vermögen stiegen in dieser Zeit um 20% auf über 103 Bio. USD, wie aus dem PRI-Jahresbericht 2020 hervorgeht.

In Europa erreichen die nachhaltig verwalteten Vermögen fast schon 50%, in den USA wird erst rund ein Drittel des Anlagevolumens nach ESG-Kriterien verwaltet. (Quelle: The ESG Observer Newsletter von The Market/NZZ vom 15.6.2021).

 

Aktien – die wichtigste Anlageklasse

Die mit Abstand wichtigste ESG-Anlageklasse sind Aktien. Raubbau an der Natur, menschengemachter Klimawandel, unhaltbare Arbeits- und Lebensbedingungen an Produktionsstätten in Schwellenländern führen dazu, dass Anleger zunehmend nicht nur die Renditepotenziale hinterfragen, sondern auch deren Nachhaltigkeit. Vermögensverwalter und Manager von Nachhaltigkeitsfonds bewerten Unternehmen nach Kriterien wie „Ökologie“ (Klimaschutz, Umweltpolitik), „sozialer Verantwortung“ (Beachtung der Menschenrechte, Sozialstandards in der Lieferkette, Sicherheit und Gesundheit) und „Unternehmensführung/Governance“ (Bestechung, Korruption und Transparenz).

Die Berichterstattung spielt eine wichtige Rolle. Nicht alles, was in Hochglanzbroschüren grün aussieht, ist auch grün. Der Nachhaltigkeitsbericht von Unternehmen erlaubt Rückschlüsse darauf, wo möglicherweise nur ein grünes Etikett aufgeklebt wurde (Greenwashing) und wo ernsthaft nachhaltig gearbeitet wird. Auf der Suche nach ökologischen und sozialen Aktien und Fonds sollte man zusätzlich auch eigene bzw. Informationen von dritter Seite einholen.

Nicht in ein ESG-Aktienportfolio gehören Unternehmen, die gegen Menschenrechte und Arbeitsrechte verstossen, die Kinderarbeit und Korruption tolerieren. Auch bestimmte Betätigungsfelder (etwa Rüstung, Mineralölwirtschaft, Glückspiel, Spekulation auf Nahrungsmittel, Pornografie/Prostitution, Tierversuche/Tierquälerei) sind Ausschlusskriterien. Professionelle Anleger lassen sich von Fachleuten beraten (Anlageausschüsse) und erstellen Nachhaltigkeitsanalysen, um so die am nachhaltigsten wirtschaftenden Unternehmen auszuwählen (Best-in-Class-Ansatz).

 

Grosser Informationsbedarf

Der Informationsbedarf für Anleger ist gross und für sie selbst nicht leicht zu beschaffen. Glücklicherweise gibt es Hilfen. So wertet etwa der Schweizer Verband für nachhaltiges Wirtschaften öbu, Zürich in Zusammenarbeit mit engagebility, Zürich in der gemeinsamen Analyseplattform «Focused Reporting» die Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichten Schweizer Unternehmen aus. Engagebility bezeichnet sich als Kompetenzzentrum für innovative, zukunftsorientierte Unternehmenslösungen.

Das hamburger Institut für Management- und Wirtschaftsforschung (IMWF) wertet Jahr für Jahr die offiziellen Nachhaltigkeitsberichte von mehreren hundert Firmen aus und kürt die Besten. Deren Aktien empfehlen sich für die Investition, selbst wenn kaum ein Kandidat sämtliche Positivkriterien erfüllen kann. Die Studien erleichtern jedoch Anlegern die Auswahl von Werten, bei denen soziales Engagement, transparente Unternehmensführung und Einsatz für Natur und Ressourcen tatsächlich und überzeugend umgesetzt werden. Am bequemsten lassen sich nachhaltige Aktienanlagen über einschlägige Fonds, vor allem über kostengünstige ETF, bündeln.

 

Nachhaltige Anleihen bieten Vielfalt

Die zweite grosse ESG Anlageklasse sind Anleihen. Boomten in den vergangenen Jahren zunächst die ESG-Aktien, legt nunmehr das Emissionsvolumen nachhaltiger Anleihen überproportional zu. Sie umfassen per Definition das gesamte Universum:

  • grüne Anleihen (green bonds),
  • soziale Anleihen (social bonds) und
  • nachhaltige Anleihen (sustainable bonds) inklusive
  • sustainability linked bonds (SLB) sowie Klimaschutzanleihen.

Der Anteil nachhaltiger Bonds am globalen Emissionsvolumen aller Anleihen wächst dynamisch und hat sich 2020 gegenüber 2019 verdoppelt: von rund 5% auf rund 10%.

Nach Angaben der Ratingagentur Moody’s sind im ersten Quartal 2021 nachhaltige Anleihen im Volumen von 231 Mrd. USD neu emittiert worden. Das ist bereits nach drei Monaten mehr als die Hälfte des Emissionsvolumens des gesamten Vorjahres von 490 Mrd. USD. Moody’s schätzt, dass das Emissionsvolumen bis Ende Jahr 650 Mrd. USD erreichen wird, was einem Plus von 32% entspricht. Die Datenlage ist nicht eindeutig und variiert je nach Quelle (und Abgrenzung).

 

Nach Angaben des zur Londoner Börse (London Stock Exchange, LSE) gehörenden Datenanbieters Refinitiy ist das Emissionsvolumen nachhaltiger Anleihen 2020 auf den Rekordwert von 554,3 Mrd. USD gestiegen, hat sich somit gegenüber Vorjahr mehr als verdoppelt. Zwar wurde mit 222,6 Mrd. USD auch bei grünen Anleihen ein neuer Höchststand erreicht, doch insgesamt ist das Spektrum viel breiter geworden und reicht von sozialen und nachhaltigen Anleihen über Sustainability-Linked Bonds (SLB), die fest an ein konkretes Nachhaltigkeitsziel gekoppelt sind, bis hin zu Klimaschutzanleihen.

Für nachhaltig ausgerichtete Aktien schauen Investoren oft auf ESG-Ratings, die Agenturen den Unternehmen verleihen. Im Bond-Bereich ist die Bewertung der Nachhaltigkeit weniger auf den Emittenten ausgerichtet, sondern orientiert sich an der spezifischen Ausgestaltung der einzelnen Wertpapiere.

Anhand von vier Grundsätzen (Principles) gibt die International Capital Market Association (ICMA), Zürich Empfehlungen ab, wie die Anleihen ausgestaltet und systematisiert sein sollten:

  • Green Bonds Principles (GBP),
  • Social Bonds Principles (SBP),
  • Sustainability Bond Guidlines (SBG) und seit neuestem
  • Sustainability Linked Bond Principles (SLBP).

Die SLBP wurden erst im Juni 2020 veröffentlicht. Deshalb haben bis September 2020 nur vier Unternehmen SLBP-konforme Papiere emittiert: Enel, Suzano, Novartis und Chanel.

Die Leitlinien der ICMA prägen den mittlerweile rund 1,6 Bio. USD schweren Markt für nachhaltige Anleihen. Sie wurden laut ICMA bei 97% der im Jahr 2020 neu emittierten Nachhaltigkeitsbonds zugrunde gelegt. Um nach den ICMA-Standards als grüne, soziale oder nachhaltige Anleihe eingestuft zu werden, gelten bestimmte Kriterien für vier Aspekte (jeweils mit Prüfung durch unabhängige Dritte):

  • Erlösverwendung,
  • Projektbewertung und -auswahl,
  • Erlösverwaltung und
  • Berichterstattung

Der Markt für nachhaltige Anleihen wächst dynamisch. Das hat verschiedene Gründe – allen voran eine Reihe von neuen Vorschriften und das von vielen Grosskonzernen und nationalen wie supranationalen Organisationen ausgerufene Ziel der Klimaneutralität, erklärt Richard Butters, ESG-Analyst bei Aviva Investors. So habe die EU ihren Aktionsplan „Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ aufgelegt, mit dem sie den Übergang in eine nachhaltigere Welt nach der Coronakrise fördern will.

Ausserdem hätten die Unternehmen grosses Interesse daran, sich die gestiegene Nachfrage als zusätzliche Finanzierungsquellen für ihre allgemeineren strategischen Ziele zunutze zu machen. Das Feld der Interessenten wird breiter. Dominierten jahrelang die Branchen Finanzen, Immobilien, Versorgung und erneuerbare Energien, kamen 2020 neben Autokonzernen auch Konsum- und Luxusgüterhersteller sowie Mobilfunkanbieter hinzu, so Butters.

Alternativ zur ICMA-Systematik kann die Ausrichtung von Anleihen und Darlehen auf „grüne“ Zwecke oder die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens auch mit dem „Climate Bonds Standard“ der Climate Bonds Initiative, CBI zertifiziert werden.

 

SLB sind im Kommen

Die grosse Bandbreite an Standards stiftet mitunter Verwirrung. Green Bonds waren in der Vergangenheit nahezu ausschliesslich Emittenten vorbehalten, die schon vorher als nachhaltig galten. Unternehmen mit schlechterem Nachhaltigkeitsprofil blieb diese Finanzierungsquelle verwehrt – auch wenn sie den Emissionserlös zur Umstellung auf ein umweltfreundlicheres Geschäftsmodell verwenden wollten.

Mit der verstärkten Dynamik hin zu einer global nachhaltigeren Welt waren neue Anleihearten gefragt, die den Wandlungsbemühungen der Wirtschaft eher gerecht würden: Sustainability-Linked Bonds (SLB) und Klimaschutzanleihen.

SLB unterscheiden sich gegenüber den grünen, sozialen und den herkömmlichen nachhaltigen (Sustainability-) Anleihen dadurch, dass ihr Emissionserlös nicht für spezifische Einzelprojekte eingesetzt werden muss, sondern dem allgemeinen Finanzierungsbedarf eines Unternehmens zugutekommt. Mit SLB bekommen somit auch Unternehmen, deren Geschäftsmodelle nicht unbedingt grün sind, die Möglichkeit, nachhaltige Anleihen zu platzieren. Denn gerade, wenn etwa veraltete umweltschädliche Produktionsverfahren auf Nachhaltigkeit verbessert werden können, ist der Wirkungsgrad, der Nutzen für Umwelt und Gesellschaft, hoch.

 

Die Wirkung zählt

Dass Unternehmen Leistungskennzahlen für ihr gesamtes Geschäft vorgeben können und dann Anleihen ausgeben, die daran gebunden sind, hält Tom Chinery, Investment Grade Credit Portfolio Manager bei Aviva Investors für eine „geniale“ Option. „Ein emissionsintensives Unternehmen mit ehrgeizigen Einsparzielen macht für die Umwelt einen viel grösseren Unterschied als ein emissionsarmes Unternehmen, das sich zur Reduzierung seines CO2-Ausstosses um 0,01 Gramm pro Jahr verpflichtet“, argumentiert Chinery. Darum gefalle ihm die jüngste grosse SLB-Platzierung von Enel über insgesamt 3,25 Mrd. EUR: Der italienische Versorger will seine CO2-Emissionen drastisch zurückfahren und hat dieses Vorhaben an die Coupons der neuen SLB „gelinked“. Erreicht er nämlich sein CO2-Reduktionsziel während der Laufzeit der SLB nicht, muss er für diese einen viertel Prozentpunkt höhere Zinsen per annum zahlen.

Wie sich die Wirkung von SLB am besten in Standards fassen lässt und ob es angesichts der Vielzahl an Anleihekategorien wirklich spezifischer Klimaschutzbonds bedarf, wird noch kontrovers diskutiert. Entscheidend für den Anleger ist jedoch, dass er nachvollziehen kann, was im emittierenden Unternehmen passiert und ob es über die Platzierungserlöse wirklich mehr Nachhaltigkeit erreichen kann.

 

Fazit: Erträge mit gutem Gewissen

Immer mehr Anleger zeigen Interesse an ESG-Anlagen, Angebot und Nachfrage wachsen. Neben aller Ethik und Umweltverantwortung steht auch die Frage der Rendite im Raum. Tendenziell liegt die Rendite grüner Anleihen leicht über jener konventioneller Bonds. Zumindest legen das die Platzierungen von Volkswagen oder Citigroup nahe. Deren nachhaltige Renditen liegen leicht über den konventionellen Pendants. Diese Tendenz ist jedoch noch nicht statistisch belegbar. Weitaus sicherer ist die Erkenntnis, dass sich der Markt für nachhaltige Anleihen weltweit extrem dynamisch entwickelt.

Auch bei ESG-Aktien ist es mit Ethik alleine nicht getan. Denn auch die Erträge müssen stimmen. Nachhaltige Aktien, die keine Dividenden ausschütten sind für Anleger nicht interessant. Um den Renditenanforderungen gerecht zu werden, sollten also nur Aktien von Unternehmen für das ESG-Portfolio ausgewählt werden, die in der Lage sind, unter ESG-Auflagen Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die gegenüber der (nicht nachhaltigen) Konkurrenz bestehen können.


Manfred Kröller

Finanzjournalist

 

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