Es ist offensichtlich, dass die Digitalisierung der Welt auch die Aktienmärkte erfasst hat. Begriffe wie Algorithmus und künstliche Intelligenz (KI) sind bald so geläufig wie Kursgewinnverhältnis (KGV), Alpha (Differenz zwischen erwartetem und angebrachtem Gewinn) oder Beta (Sensibilität gegenüber künftigen Marktbewegungen). Doch während Alpha und Beta einfache Rechenvorgänge (Division bzw. trigonometrische Funktion) darstellen, sind Algorithmen Rechenverfahren in genau festgesetzten Schritten und künstliche Intelligenz Problemlösungen mit Hilfe von Computern. Intuitiv reagieren viele Anleger zu recht allergisch auf die Tatsache, dass sie Entscheidendes nicht mehr nachvollziehen können.

 

Gegenwärtige Situation

In den USA machen computergesteuerte Anlagefonds (Index, ETF und Quants) bereits 35% des Marktes, 60% der institutionellen Geldern und über 60% des Handels aus. Menschliche Vermögensverwalter wie Hedge-Fonds und traditionelle Anlagefonds machen nur noch 24% aus, die restlichen 40% sind schwer zu erfassen, da sie u.a. Gesellschaften mit hohem Eigenaktienbestand enthalten. Auf künstliche Intelligenz aufgebaute Programme schreiben bereits ihre eigenen Anlagevorschriften, die von ihren menschlichen Eigentümern nur teilweise verstanden werden. Zwei Entwicklungen sind im Auge zu behalten: der Aktienmarkt wird tendenziell kleiner (mehr Aktienrückkäufe, weniger IPO’s) und die Anbieter von EDV-gestützten Fonds werden immer grösser und gewinnen an Einfluss.

 

Gründe für die zunehmende Bedeutung der EDV

Die Hauptgründe für die zunehmende Bedeutung der EDV an den Aktienmärkten sind Kosten und Performance der verwalteten Gelder. Seit 1924, als die ersten open-end mutual funds (Massachusetts Investors Trust und State Street Investment Trust) aufgelegt wurden, sind die Vorteile der Zusammenfassung von Geldern einem grösseren Personenkreises bekannt. Dennoch brauchte es mehr als 50 Jahre bis das phänomenale Wachstum von Anzahl Fonds und verwalteten Gelder anfangs der 1980er Jahre einsetzte. Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Zeitpunkt ziemlich genau mit dem Anfang des langjährigen Bullenmarkts übereinstimmt (Höhepunkt von Inflation und Zinsen). Da bereits die ersten „kostenlosen“ Fonds lanciert worden sind, scheint das Potential für weitere Kostenersparnisse ausgereizt.

So logisch die Triebfeder Kosten war und zum Teil immer noch ist, so unlogisch ist die Triebfeder Performance. Angesichts zahlreicher empirischer Unersuchungen kann zwar bewiesen werden, dass der durchschnittliche Vermögensverwalter nicht so gut abschneidet wie ein festgelegter Massstab (benchmark). Der bewusste Verzicht, die Besten zu identifizieren, ist aber erstaunlich, ebenso die Akzeptanz einer durchschnittlichen Performance. Alle Index-, ETF- und Quantfonds orientieren sich an einem Index, der nur Durchschnitt ist. Gemäss mathematischen Grundsätzen ist ein Durchschnitt die grösste Menge, welche Teilmenge von 2 oder mehreren Mengen ist. Ein Index ist also der Durchschnitt einer besseren und schlechteren Menge. Den Anleger sollte nur die bessere Menge interessieren. Hier hat die EDV noch grosses Potential; die Identifizierung der besseren Menge in Form von Einzelaktien, welche den Index schlagen, sollte im Fokus sein.

 

Mensch und Computer

Der heutige Computer beruht hauptsächlich auf der „Turingmaschine“ des englischen Mathmatikers Alan Turing, ein Gedankenmodell über den Aufbau eines universellen Rechenautomaten von 1936. Der erstmalige Einsatz einer solchen Maschine die mithalf, den Code der deutschen Chiffriermaschine Enigma im 2. Weltkrieg zu entschlüsseln, hatte wesentlichen Einfluss auf das Kriegsgeschehen. Die fortschreitende Technologie hat unterdessen zu Maschinen geführt die in der Lage sind, die Weltmeister im Schach und Go zu besiegen. Gleichzeitig wuchs der Glaube, dass man mit Computern jedes Problem lösen könne. Ausseracht gelassen wird dabei aber die Rolle des Menschen beim Programmieren und der enorme Aufwand, Weltmeister zu schlagen. Zudem haben Schach und Go ein klar definiertes Ziel, nämlich den Sieg. Aktienanlagen haben nur schwer definierbare Ziele und diese ändern sich laufend.

 

Schlussfolgerungen

Solange die Aktienmärkte grundsätzlich aufwärts tendieren und sich die Anleger mit einer durschnittlichen Performance zufrieden geben, kann der „Siegeszug“ der EDV-basierten Vermögensverwaltung wahrscheinlich anhalten. Dennoch sollten 3 Aspekte nicht vergessen werden: Erstens, das in der EDV bekannte Sprichwort GIGO, garbage in, garbage out (fehlerhafte Programmierung, fehlerhafte Resultate). Zweitens, die Unmöglichkeit, Abstürze wie 1987 (portfolio insurance) oder 2008 (securitization) vorherzusehen. Drittens, die Vorstellung, dass traditionelle Aufgaben des Aktienmarktes (Auswirkungen auf die Wirtschaft, Regulierung von Gesellschaften, Finanzstabilität) von Computern gesteuert oder gar übernommen werden.


Christian Wagner
Finanzberater