Die Notfallphase der COVID-19-Pandemies geht langsam zu Ende. Keine Regierung war darauf vorbereitet und zu viele versagten in der ersten Beurteilung, haben aber danach gemacht was sie konnten. In der angebrochenen zweiten Phase werden aber allfällige Fehler nicht einfach zu entschuldigen sein. Die Behörden müssen die Risikofaktoren besser identifizieren und spezifische Gegenmassnahmen ergreifen. Diese müssen den gefährdeten Menschen erklärt werden, damit diese ihr Verhalten auch ändern können. Zudem muss lebenswichtige Infrastruktur gewährleistet und Handlungsfreiheit bei neuer Datenlage gesichert sein. Das Problem dabei ist die Abwägung zwischen dem Heil des Einzelnen und dem Wohl der Gesellschaft. Dieses Gleichgewicht zu finden und zu halten ist nicht einfach.

 

Gesundheit

Gemäss Satzung der Weltgesundheitsbehörde (WHO) ist Gesundheit ein Grundrecht. Gesundheit ist ein Sammelbegriff für das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden jedes Einzelnen. Dabei ist „gesund“ nicht gleichbedeutend mit „normal“, wenn die Norm als Durchschnitt im statistischen Sinn verstanden wird. Diese Präzisierung bleibt natürlich bei der jüngsten Situation, in der bereits Spitalbetten und Beatmungsgeräte Mangelware waren, Wunschdenken. Die Bekämpfung der Pandemie findet heute mit statischen Durchschnittswerten für R (Ansteckungen pro Infizierten) und Z (Anzahl Todesfälle über der langfristigen Todesrate) statt.

Mit den jüngsten Lockerungsmassnahmen wird ein kalkuliertes Risiko eingegangen, wobei jedes Land selbst entscheidet, was und wann. Richtigerweise wird immer darauf hingewiesen, dass diese teilweise oder sogar ganz rückgängig gemacht würden, sollten die Kennziffern wieder schlechter werden. Die Finanzwelt hat zwar die Tendenz, solche Lockerungen mit der Wirtschaft in Verbindung zu bringen, sie dienen aber auch der Wiederherstellung vom seelischen und sozialen Wohlbefinden der Einzelnen. Freunde treffen, Fussballspiele und Ferien im Ausland sind nur einige Beispiele für das Bedürfnis nach psychischer Belohnung in schlechten Zeiten.

 

Wirtschaft

Die Wirtschaft dient der materiellen Erhaltung und Sicherung des Lebens jedes Einzelnen oder einer Vielfalt von Menschen. Aufgabe und Ziel sind die dauernde Erfüllung des menschlichen Bedarfs an Gütern und Dienstleistungen. Die Wirtschaftsordnung ist abhängig von der Fähigkeit der Menschen und deren politischen Instanzen und Organen (Wirtschaftspolitik). Zweck der Wirtschaftspolitik ist die Steigerung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und Produktivität und damit die Verbesserung des menschlichen Wohlbefindens.

Die weltweiten Hilfspakete in Billionenhöhe sollen die Wirtschaft vor dem drohenden Kollaps bewahren. Wie ernst die Situation eines gleichzeitigen Einbruchs von Angebot und Nachfrage war, und immer noch ist, bezeugen die laufend neuen oder erhöhten Gelder, die gesprochen werden (sollen). Problematisch dabei: Wem wird geholfen, Mensch oder Unternehmen? In der EU gibt es noch das Problem, dass reiche Mitglieder viel mehr Hilfe leisten können als arme. Deutschland wird knapp die Hälfte aller Ausgaben der gesamten EU tätigen. Der von der EU-Kommission vorgelegte EUR 750 Mrd. Wiederbelebungsfond aus Zuschüssen (EUR 500 Mrd.) und Darlehen (EUR 250 Mrd.) läuft aber Gefahr, zu scheitern.

Die wichtigsten Zentralbanken ziehen alle Register, um die Wirtschaft und Finanzmärkte zu stützen. Das Federal Reserve hat eine ganze Reihe Hilfsmassnahmen mit mysteriösen Akronymen beschlossen (u.a. CPFF, MMLF, PMCCF, SMCCF). Sie läuft dabei aber Gefahr, gegen den Federal Reserve Act zu verstossen, da sie auch Geld ohne Sicherheiten vergibt. Die Europäische Zentralbank ihrerseits wird mit einem Urteil des deutschen Verfassungsgerichts konfrontiert, welches ihr Kompetenzüberschreitung beim Staatsanleihe-Kaufprogramm (PSPP) vorwirft. Dass der Europäische Gerichtshof dies im Dezember 2015 gutgeheissen hatte, macht die Sache nicht einfacher. Die entscheidende Frage ist, ob Geld wirklich die erfolgversprechendste Lösung ist.

 

Schlussfolgerungen

Die Coronakrise zeigt auf, wie fragil das Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen des Einzelnen und den Ansprüchen des Kollektivs ist. Erst recht, wenn bei ihrer Bewältigung Emotionen ins Spiel kommen. Es ist kein Zufall, dass Menschen mit anderen Gesundheitsproblemen und ethnische Minderheiten oder wirtschaftlich Benachteiligte vermehrt betroffen sein werden. Ebenfalls kein Zufall ist die Tatsache, dass Länder mit einer „sozialen“ Marktwirtschaft besser abschneiden als solche, in denen die Wirtschaft freien Lauf hat. Wahrscheinlich wäre eine von verschiedenen Fachleuten geforderte Reform des Kapitalismus zu begrüssen. Die Auswirkungen der Coronakrise werden und sollten uns noch länger beschäftigen.


Christian Wagner
Finanzberater