Der Schwarze Schwan

Der von Nassem Taleb geprägte Begriff bedeutet eine höchst unwahrscheinliche Begebenheit, die unerwartet und mit grosser Auswirkung auftritt. Im Nachhinein wird eine Erklärung gefunden, um es weniger zufällig und mehr vorhersehbar zu machen. Die Rede ist hier vom „Schwarzen Schwan“ in Form der Politik, die das Anlagejahr 2018, trotz zufriedenstellenden Rahmenbedingungen, zu einem Jahr zum Vergessen gemacht hat.

 

Weltpolitische Grundlage

Die Welt der Vergangenheit bis 1990 war bipolar. Die USA und die Sowjetunion mit ihren jeweiligen Verbündeten standen sich im „kalten Krieg“ gegenüber. Die ideologisch bedingte Auseinander-setzung basierte auf politischer Macht mit militärischen Mitteln und wurde durch die wirtschaftliche Überlegenheit des „Westens“ entschieden. Die Finanzmärkte haben sich daran gewöhnt, dass politische Veränderungen nur eine Randerscheinung beim wirtschaftlichen Fortschritt (Marshall Plan, EWG, EU) sind. Die Welt der Zukunft ist spätestens seit dem Amtsantritt Xi Jinpings 2012 unter anderen Vorzeichen wieder bipolar. Die Sowjetunion wurde durch China ersetzt und die Auseinandersetzung mit den USA ist nicht militärisch, sondern wirtschaftlich, mit den bereits bekannten Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Die Nachfolgerin der Sowjetunion, die Russische Föderation, beschäftigt sich nur noch mit dem regionalen Umfeld und den strategisch wichtigen Ländern. Europa, das am meisten vom Zerfall der alten „Weltordnung“ profitiert hat, leidet zunehmend unter der Tatsache, dass die wirtschaftliche Einigung ohne politisches Pendant vollzogen wurde.

 

Demokratien unter Druck

Im Gegensatz zu China, das von einer Einheitspartei in autokratischer Form unumschränkt regiert wird, sind die Gegenspieler Demokratien, in denen gewählte Vertreter des Volkes entscheiden. Leider umschreibt der Begriff „Demokratie“ nur wer regieren soll, nicht aber wie diese Regierung zu handhaben ist. So wird heute in einigen Ländern das grundlegende Prinzip der Gewaltentrennung in Exekutive, Legislative und Judikative unterwandert. Das beste Beispiel hierfür ist die gegenwärtige Situation in Grossbritannien. Die ganze Prozedur des Austritts von der Europäischen Union wäre in der Kompetenz der Exekutive, aber je näher das Austrittsdatum heranrückt, desto frenetischer die Bestrebungen der Legislative, nicht nur mitzureden, sondern ihr auch zu befehlen.

Die EU ihrerseits leidet nicht nur unter einer adhoc zusammengestellten politischen Führung, sondern auch an den Nachwehen einer übereilten Vergrösserung (ehemalige Ostblock-Staaten) und deren anderer Prioritäten. Interne Spannungen sind auch ein Grund für die kompromisslose Haltung in der Brexitfrage.

Ein weiteres Beispiel sind die Verhältnisse in den USA, wo ideologische Auseinandersetzungen zwischen republikanischem Präsidenten und demokratischem «House of Representatives» zum bisher längsten Regierungs-Shutdown geführt haben, notabene Auseinandersetzungen über die explizite Finanzierung einer Grenzbefestigung, die im Gesamthaushalt verschwindend klein ist.

 

Risiken für die Finanzmärkte

Ein Austritt Grossbritanniens aus der EU wird immer mit den negativen Auswirkungen für das Vereinigte Königreich verknüpft. Dies ist sicher wahr, aber auch die EU wird unerfreuliche Konsequenzen zu spüren bekommen, da die EU-Kommission die ökonomischen Kollateralschäden ihrer Verhandlungsstrategie kaum berücksichtigt hat. Die für Deutschland so wichtige Autoindustrie ist nur das offensichtlichste Beispiel für Exportschwierigkeiten just zu einer Zeit, in der die Konjunktur schwächelt. Brexit wird irgendwie vollzogen werden, aber die negativen Folgen werden die Finanzmärkte noch lange beschäftigen.

Der Handelsstreit zwischen China und den USA ist mehr als nur eine vorübergehende Störung in den Handelsbeziehungen beider Länder. Die merkantilische Wirtschaftspolitik der chinesischen Führung unter Staatspräsident Xi Jinping ist Teil eines geostrategischen Plans, um die Macht des Staats bzw. der kommunistischen Partei zu stärken. Die Belt and Road sowie Made in China Initiativen sind Ausdruck des Willens, die Weltwirtschaft entscheidend zu beeinflussen. Da keine klare Trennlinie zwischen Privatunternehmen und Staat existieren und Regierungsvertreter im Verwaltungsrat aller grösseren Gesellschaften sitzen, können auch im Ausland tätige Konzerne wie Huawei im Staatsdienst stehen. Das Ringen zwischen der hegemonialen USA und dem aufstrebenden China wird lange anhalten und sich von Zeit zu Zeit negativ auf die Finanzmärkte auswirken.

 

Konsequenzen für den Anleger

Im Gegensatz zu früher ist die Politik heutzutage genauso wichtig wie Wirtschaftsdaten und Gesellschaftszahlen und sollte dementsprechend berücksichtigt werden. Da ihre Auswirkungen oftmals zum Nachteil der Finanzmärkte sind, steigt das Risiko. Bei erhöhtem Risiko empfiehlt sich mehr Liquidität (kein Geld verlieren ist genauso wichtig wie Geld verdienen), Gold und Einzelaktien mit Schwerpunkt auf den Heimmarkt anstelle von Indexprodukten.


Christian Wagner
Finanzberater