Angst oder zumindest Sorge geht um an den Finanzmärkten. Wirken sich die derzeit steigenden Preise negativ auf das Wachstum aus? Steigen die Zinsen und würgen die wirtschaftliche Erholung ab? Nach den Lehrbüchern der Nationalökonomie wäre dies die logische Konsequenz. Wären da nicht die vielen pandemiebedingten Sonderfaktoren. Die Zeiten sind derzeit alles andere als normal, die Lage ist noch unübersichtlich. Bis 2022 dürfte die Geldpolitik locker bleiben.

Übertriebene Inflationsangst

BAK Economics, die politisch und wissenschaftlich unabhängige Basler Arbeitsgruppe für Konjunkturforschung (BAK) hält „Befürchtungen einer ausufernden Inflation“ für „übertrieben, zumindest kurzfristig und ganz besonders für die Schweiz“. Für die Basler Wirtschaftsforscher ist die Hauptursache der aktuellen Preissteigerungen, dass die globale Nachfrage – pandemiebedingt eingebrochen – wieder kräftig angezogen habe. Die gegenwärtigen Preisbewegungen nach oben seien Ausdruck einer Normalisierung.

Das von der Pandemie verursachte „Zwangssparen“ hat Kaufkraft zurückgehalten, die sich jetzt umso stärker entfaltet. Das wird etwa in der Luxusgüterbranche besonders deutlich. Weltweit steigen die Ausgaben für Nobeluhren, Schmuck, Mode und Accessoires überdurchschnittlich. Im gehobenen Uhrenpreissegment gibt es zum Teil monatelange Lieferzeiten. So gibt etwa Bucherer in Zürich die Lieferzeit einer Rolex Herrenarmbanduhr in Edelstahl und Weissgold (Modell Datejust, Preis knapp 10 000 CHF) am Telefon vage „mit mehreren Monaten“ an.

 

Vom Tempo überrascht

Viele Produzenten wurden vom Tempo der globalen Erholung überrascht. Nicht nur in den USA verbesserte sich das Geschäftsklima deutlich, sondern auch in Europa. Das Konjunkturbarometer, mit dem die Konjunkturforschungsstelle (KoF) der ETH Zürich monatlich die Grosswetterlage der Schweizer Wirtschaft misst, zeigt unbeirrt steil nach oben und erreichte im Mai historisch hohe 143,2 Punkte, ein Plus von 6,8 Punkte gegenüber April. Vor Jahresfrist erst hatte es einen Pandemie-Tiefpunkt von 51,64 erreicht. Der jüngste starke Anstieg führt die KoF auf ein „Indikatorenbündel“ verschiedener Bereiche (Verarbeitendes Gewerbe, Auslandsnachfrage, Gastgewerbe, übrige Dienstleitungen) zurück.

Es wird wieder kräftig konsumiert. So können etwa Baumärkte die wiederbelebte Heimwerker-Nachfrage nach den Lockerungsmassnahmen noch nicht decken. Produzenten von Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs dürfen pandemiebedingt noch nicht in dem Ausmass anbieten, wie es eigentlich möglich wäre. Die Einschränkungen werden erst jetzt langsam im Zuge der Impferfolge zurückgenommen. Es kam aber auch zu Einschränkungen in der globalen Versorgungskette durch Unfälle, die nichts mit der Pandemie zu tun hatten. Ein auf Grund gelaufenes Containerschiff blockierte tagelang den Suezkanal, leistungsfähige Computerchips für Hochtechnologieprodukte wurden durch den Grossbrand in einer Chipfabrik zusätzlich verknappt, sowie erneute coronabedingte Schliessungen von Häfen in China schränken die Versorgungskette ein und lassen die Containerpreise bis ums Dreifache ansteigen.

Inflation wird für die wirtschaftliche Entwicklung aber erst dann gefährlich, wenn sich auch die Inflationserwartungen deutlich nach oben verschieben, wenn also „eine sich selbst verstärkende Preis-Lohnspirale“ (BAK Economics) in Gang kommt, die nur zurückgedreht werden kann, indem die Notenbanken die Geldpolitik straffen (also die Nullzinspolitik aufgeben und die Leitzinsen anheben). Das schmerzt, dämpft die Wachstumsaussichten und die Investitionsbereitschaft. An der Börse fielen die Kurse.

Der generelle Nachfrageüberhang führe zwar aktuell in einigen Ländern zu deutlich höheren Inflationsraten. Vieles davon sei jedoch temporär und werde nicht ausreichen, „die Inflationserwartungen auf ein Mass zu treiben, das nicht mehr mit Preisstabilität vereinbar ist“, beschwichtigt BAK Economics. Denn stark ins Gewicht fielen immer noch „deflationäre Gegenkräfte“. So kehre etwa die globale Wirtschaft trotz Erholung erst langsam zur Normalauslastung zurück, die Arbeitslosigkeit sei immer noch höher als vor der Pandemie und auch der nach wie vor intensive globale Wettbewerb halte die Preisentwicklung im Zaum.

 

Inflationserwartungen auf dem Prüfstand

Mittel- und langfristig könnte die Inflation allerdings ihre Krallen zeigen. Die Pandemie hat die Voraussetzungen dafür „verbessert“. So sind die ohnehin schon hohen öffentlichen Schulden weltweit nochmals stark gestiegen. Liquidität zum Nulltarif verleitet zum Schuldenmachen. Viele Staaten, so scheint es, sind inflationstoleranter geworden. Die noch fest verankerten Inflationserwartungen könnten in den kommenden Jahren einem ernsthaften Test unterzogen werden, vor allem in den USA und der Eurozone. Dieses Szenario wäre auch für die Schweiz ungemütlich. Zwar bleibe die Inflationsgefahr hierzulande gering, inflationsbedingte Nachfrageeinbrüche in anderen Ländern und ein sich verteuernder Franken bergen aber auch ernstzunehmende Gefahr für die Schweizer Wirtschaft, warnt BAK Economics.

In den USA ist die Inflation weiter fortgeschritten als in Europa. Dort sind die Konsumentenpreise im Mai im Jahresvergleich um 5% gestiegen, gegenüber 4,2% im April. Der Anstieg gegenüber Vormonat fiel mit 0,6% stärker aus als prognostiziert (0,4%). Der Zuwachs der Kerninflationsrate (ohne Preise für Lebensmittel und Energie betrug im Mai 3,8% gegenüber Vorjahr und 0,7% gegenüber April. Der Jahresvergleich ist allerdings pandemiebedingt verzerrt. Aufgrund dieses Basiseffekts hält sich die Besorgnis vorerst in Grenzen. „Die jüngsten Datenpunkte zur Entwicklung des Indexes der Konsumentenpreise und zu den Inflationserwartungen der Bevölkerung deuten aber noch nicht darauf hin, dass bereits eine gefährliche Dynamik in Gang wäre“, stellt die NZZ fest. Die Situation sei schlicht noch zu unübersichtlich, zu viele Sondereffekte seien im Spiel. Verglichen mit den USA ist der Inflationsschub in der Schweiz noch harmlos. Die seit Jahren stagnierenden Verbraucherpreise haben im Mai gegenüber April um 0,3% angezogen. Der Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) erreichte gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) 101,0 Punkte (Dezember 2020 = 100). Gegenüber Mai 2020 betrug die Teuerung 0,6%. In Deutschland stiegen die Verbraucherpreise im Mai im Jahresvergleich um 2,5% – so schnell wie seit fast zehn Jahren nicht mehr. In der zweiten Jahreshälfte könnten es bis zu 4% werden, erwartet Aquila AG.

 

Meist nur temporäre Effekte

Ökonomen zufolge könnte die Inflation in Deutschland im Laufe des Jahres auf deutlich über 3% steigen. “Allerdings sind hierfür grösstenteils temporäre Effekte (etwa die 2020 zeitweise gesenkte Mehrwertsteuer) verantwortlich“, so dass für 2022 „wieder mit merklich niedrigeren Raten zu rechnen ist”, argumentiert Marco Wagner, Chefökonom der Commerzbank. Sein Kollege Jörg Zeuner vom Fondsanbieter Union Investment rät, „die monatlichen Wasserstandsmeldungen“ nicht „überzuinterpretieren“. Für Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, ist der “Spuk” (steigender Verbraucherpreise) im kommenden Jahr vorbei. “Deutschland, aber auch die Eurozone (…) werden längerfristig eher mit zu niedrigen als mit zu hohen Teuerungsraten zu kämpfen haben“, prognostiziert Gitzel. Das wisse auch die Europäische Zentralbank (EZB). Das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte schon Mitte Mai betont, dass die EZB „durch all diese kurzfristigen Schwankungen“ hindurchschaue. Ihre Geldpolitik sei schliesslich mittelfristig ausgerichtet. Für das Gesamtjahr 2021 erwartet die EZB bisher noch 1,5% Teuerung. Neue Prognosen werden diesen Monat erwartet.

Die US-Notenbank (Fed) betont unermüdlich den temporären Charakter des Inflationsanstiegs. Dieser könne nicht linear in die Zukunft übertragen werden. Die statistischen Basisdaten signalisieren, dass die längerfristige Inflationserwartung in den USA derzeit zwar über den traditionell von der Fed vorgegebenen 2% liegen wird, aber nicht allzu viel. An den Märkten überwiegt vorerst noch die Zuversicht, dass die US-Währungshüter die Preisentwicklung unter Kontrolle halten können. Der zum überwiegenden Teil COVID-induzierte Teuerungsschub sollte also nach der Pandemie wieder abklingen.

 

Es steht schon im Fed-Protokoll

Nicht alle sehen das so. Die Redaktion von The Market zitiert Tad Rivelle, Chief Investment Officer der US-Fondsgesellschaft TCW, der befürchtet, dass steigende Preise für Waren und Dienstleistungen kein temporäres Phänomen bleiben. Er sieht ein Risiko, dass Investoren das Vertrauen in den Dollar sukzessive verlieren.

Bislang konnten sich Investoren darauf verlassen, dass die Fed mit ihrem Programm des Quantitative Easing (QE) reichlich und billig Liquidität durch Ankauf von Wertschriften/Anleihen zur Verfügung stellt. Nun gibt es erste Indizien, dass sie bald einen weniger expansiven Kurs steuern könnte und das berühmte Tapering, also die langsame Reduzierung der quantitativen Lockerung, wieder auf die Tagesordnung kommt. Auf Seite 10 in dem am 19. Mai 2021 veröffentlichten Protokoll der jüngsten Sitzung des für die Geldpolitik verantwortlichen Offenmarktausschusses (Federal Open Market Committee, FOMC) der Fed liest sich das so: „A number of participants suggested that if the economy continued to make rapid progress toward the Committee’s goals, it might be appropriate at some point in upcoming meetings to begin discussing a plan for adjusting the pace of asset purchases“.Im FOMC hat also die Diskussion darüber begonnen, ob, wann und in welchem Ausmass die Anleihenkäufe zurückgefahren werden könnten.

 

BoC preschte vor

Die kanadische Notenbank (Bank of Canada, BoC) hat bereits Fakten geschaffen und Ende April mitgeteilt, sie werde ihre monatlichen Anleihekäufe um ein Viertel reduzieren. Als Reaktion auf die Ankündigung der BoC stieg der kanadische Dollar deutlich, die Renditeaufschläge kanadischer Anleihen gegenüber US-Treasuries weiteten sich aus. Die Märkte auf das unausweichliche Tapering vorzubereiten ohne Panik zu verbreiten, erfordert kommunikatives Feinstgefühl. „Ein falsches Wort und die Angst aus dem Jahr 2013 könnte wieder zurückkehren“, warnt Union Investment. Damals hatte Fed-Chef Ben Bernanke die globalen Finanzmärkte mit unklaren Aussagen zum Ablauf der Drosselung der Anleihekäufe in Panik versetzt. Die Anleihekurse brachen schlagartig ein, auch in den Schwellenländern. „Eine solche Wiederholung dürften die Notenbanken diesmal unbedingt vermeiden wollen“, mutmasst Union Investment.

Denn mit der Reduzierung der Anleihenkäufe ist es dann bis zur ersten Leitzinserhöhung nicht mehr weit. Wahrscheinlich bereiten sich die Märkte auf diese Wende bereits vor. Noch gelingt es den Notenbanken, die Märkte zu beruhigen. Die globale Geldpolitik könnte also noch eine Weile locker bleiben – voraussichtlich bis 2022.


Manfred Kröller

Finanzjournalist

 

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