Wir erläutern ein klassisches Experiment, für welches der russischer Forscher Iwan Petrowitsch 1904 den Nobelpreis in Physiologie / Medizin erhielt. Wir erläutern neuzeitliche Zentralbankexperimente, für die Stockholm hoffentlich keinen Nobelpreis verleihen wird und die eigentlich in den Bereich der Finanzsatire gehören.

 

Der Pawlowsche Hund

Der russische Forscher Iwan Pawlow beobachtete, dass bei Hunden schon die Schritte des Besitzers auch dann Speichelfluss auslösten, wenn noch kein Futter in Sicht war.

Daraufhin ersann er folgendes Experiment: Er verabreichte Hunden Essen und liess entweder kurz davor, während oder kurz danach ein Glöckchen klingen. Derart trainierte Hunde reagierten beim Klingen des Glöckchens mit Speichelfluss und zwar auch dann, wenn kein Essen verabreicht wurde. Pawlow bezeichnete dieses Phänomen als Konditionierung. Selbstverständlich reagierten untrainierte Hunde nicht mit Speichelfuss auf das Klingen einer Glocke. Die Reaktion, Speichelfuss auf Glockenton ist rational, wenn die Pawlowschen Hunde in einer Welt leben, in der eine Glocke tönt, wenn die Hunde gefüttert werden. Ertönt die Glocke und erhalten die Hunde kein Essen, werden diese sauer…

Früher waren schlechte Nachrichten schlechte Nachrichten

Eine schlechte Wirtschafts- oder Finanznachricht war in der Vergangenheit für die Finanzmärkte eine «schlechte Nachricht».

Zentralbanken machen aus schlechten Nachrichten gute Nachrichten

Daraufhin ersannen Zentralbanker folgendes Experiment: Sie öffneten bei schlechten Nachrichten ihre Geldschleusen so sehr, sie senkten die Zinsen so stark und kauften so viele Assets (Bilanzausweitung) bis in der Interpretation aus ursprünglich schlechten Nachrichten schliesslich hervorragende Nachrichten wurden, die zu einem weiteren Anstieg der Börsen führten.

Der Pawlowsche Investor

Derart trainierte Investoren reagierten bei schlechten Nachrichten bereits mit Panikkäufen (man würde ja sonst den Melt-Up verpassen) und zwar auch dann, wenn die Zentralbanken noch gar keine Massnahmen ergriffen hatten.

«The thinking appears to be the virus impact will not last, it’s not spreading outside China as fast as feared and above all, central banks can step in – slower growth will bring more stimulus, or at least lower interest rates for longer. That makes shares more appealing. The virus causes a near-term demand shock, of course, but it’s a problem easily solved by central bank liquidity, is the message from research notes».  (Zitat aus einem Marktkommentar vom 14.02.2020 – Quelle: Reuters)

 

Solange Zentralbankreaktionsfunktion gleichbleibt, ist Reaktion der Anleger rational

Die gegenwärtige Reaktion der Investoren, schlechte Nachrichten als «gute Nachrichten» aus Sicht der Finanzmärkte zu interpretieren, da mit überkompensierenden Zentralbankmassnahmen gerechnet wird, ist rational, solange die Zentralbanken auf schlechte Nachrichten so aggressiv reagieren, dass diese schlussendlich (aus Sicht Finanzmärkte) zu guten Nachrichten werden.

Treten schlechte Nachrichten auf und erhalten die Investoren keine Zinssenkungen, Bilanzausweitungen, «Unterperformanceandrohungen» im Falle konservativer Anlagestrategien, …

Nach dem Willen von Alfred Nobel sollte der Nobelpreis an denjenigen verliehen werden, der im letzten Jahr mit seiner Entdeckung den grössten Nutzen für die Menschheit erbracht hat.


Thomas Härter
Chief Investment Officer Aquila