Der altrömische Gott des Torbogens und der öffentlichen Durchgänge wurde mit Doppelantlitz nach aussen und innen schauend mit Schlüssel und Pförtnerstab dargestellt. Sein Tempel war ein Doppel­tor das in Frieden geschlossen und in Kriegszeiten geöffnet war. Da er ebenfalls die Zugänglichkeit der Städte gewährleistete, symbolisierte er auch den Brückenschlag.

Das Doppeltor steht weit offen

Social Media sind Internetapplikationen, die auf den technologischen und ideologischen Grundlagen des „participative web“ (Web 2.0) mit „user created content“ aufbauen. Dies ganz im Sinne des britischen Physikers Tim Berners-Lee der das World Wide Web als „Information Management System“ konzipiert und 1990 den ersten Webbrowser und -server fertiggestellt und über das Internet zugänglich gemacht hat. Sein Versuch, nach der Jahrtausendwende ein „semantic web“ (Web 3.0) zu etablieren, indem Webinhalte mit Metadaten ergänzt werden, um etwas über die Bedeutung der Inhalte auszusagen, schlug fehl. Sein Versuch 2009 ein „web of linked data“ (Vereinigung von Daten anstelle von Dokumenten) zu lancieren ebenso. In einem offenen Brief 2017 zeigte er sich zunehmend besorgt über Datenschutzverletzungen, Desinformation und Politwerbung im Web. Was ist aus dem Brückenschlag des Janus geworden und warum ist das Doppeltor seines Tempels weit geöffnet?

Persönliche Meinungsbildung durch Social Media ausgehebelt

Wie immer gibt es mehrere Gründe die sich zum Teil widersprechen, überschneiden oder gar potenzieren. Ein grundliegendes Problem ist zunächst die Digitalisierung. Nicht nur das Unbehagen gegenüber revolutionärer Veränderung, sondern auch die Anforderungen an das menschliche Gehirn, das analog ist und bleibt. Während sich heute bereits mehr als ein Terabit pro Sekunde übertragen lässt, ist die intellektuelle Kapazität des Menschen laut Psychologen auf ungefähr 120 Bits pro Sekunde beschränkt. Unzählige Experimente deuten darauf hin, dass es ab einer gewissen Anzahl Informationen zu einer Schwächung des Urteilsvermögens führt. Eine Folge davon ist die Tendenz, sich der Meinung anderer anzuschliessen ohne selbst zu überlegen.

Social Media Datenverwendung

Ein weiteres Problem ist die Handhabung der Daten: Datenschutz und Datenverwendung sind die massgebenden Stichwörter. Im Gegensatz zu Europa gibt es ausgerechnet in den USA kein umfassendes Datenschutzgesetz. Das vorgesehene „Consumer Privacy Bill of Rights“ versandete 2012 im Kongress. Bis heute gilt eine Selbstregulierung, die von jeder Gesellschaft anders interpretiert und umgesetzt wird. Grund dafür ist die Annahme, dass Vorschriften die Innovationsfreude der Technologiegesellschaften massiv beschränken würden. Die für Social Media eminent wichtige Frage der Datenverwendung wurde bis anhin nie gestellt. Einige Hinweise auf Seite X der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die kaum jemand liest, haben bisher genügt.

Zeit das Janus-Doppeltor zu schliessen

Es ist beschämend, dass es erst den Versuch russischer Akteure, die US-Präsidentenwahlen zu beeinflussen und die Cambridge Analytica- Affaire brauchte, um Politik und Behörde aktiv werden zu lassen. Dafür bestehen jetzt reelle Chancen um das Janus-Doppeltor zu schliessen und den Brückenschlag zwischen Technologie und Mensch auf eine gesunde Basis wiederherzustellen. Der taktisch geschickte Auftritt des Facebook Gründers und Geschäftsführers Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress lässt hoffen.

Ein erster Schritt ist die Einführung der „General Data Protection Regulation (GDPR)“ in Europa am 25. Mai 2018. Das Gesetzt ermöglicht dem Kunden Zugriff auf seine Daten mit Korrekturmöglichkeit und gibt ihm das Recht, diese an eine andere Gesellschaft zu transferieren. Es verpflichtet die Firmen zur Definition der Datensicherheit und macht sie für Verstösse monetär haftbar. Facebook will die Richtlinien weltweit übernehmen und die USA haben die Gelegenheit, die fast 100 Gesetzesartikel auf die wirklich nötigen zu reduzieren und sie gebrauchsfähig zu machen.

Der zweite Schritt ist, die Gesellschaften für den Inhalt ihrer Nachrichten verantwortlich zu machen und diese in den USA der Federal Trade Commission (FTC) zu unterstellen. In einer Zeit, in der sich bald die meisten Menschen per Internet informieren und der wachsende Nachrichtenanteil von Google und Facebook offensichtlich ist, kann man sich nicht mehr hinter geheimgehaltenen Algorithmen verstecken. Die Thematik wird noch brisanter, wenn man bedenkt, dass Facebook hofft, diese Frage in Zukunft mit Hilfe von künstlicher Intelligenz zu lösen.

Fazit

Es braucht sicher noch viele weitere Schritte. Stichwörter dazu sind Fake News und Desinformation auf der einen, sowie Bots (Softwareroboter die automatisch Propaganda verbreiten) und Vernetzung auf der anderen Seite. Die Frage der Corporate Governance der betroffenen Firmen darf nicht fehlen.


Christian Wagner
Finanzberater