Gemäss Wörterbuch bedeutet „goodwill“ auf Deutsch „ Wohlwollen“ oder „Zeichen des guten Willens“. Im Fachwörterbuch findet man „ideeller Wert einer Firma als Ganzes, der Gegenwert noch zu erwartender, ausserordentlicher, geldlicher Vorteile, z.B. aus gutem Geschäftsruf, Geschäftsbeziehungen, Branchenkenntnissen“. Nicht nur Finanzanalysten sollten sich fragen inwiefern dieser Rechnungsposten in der Bilanz die Aktienbewertung oder Kreditwürdigkeit einer Gesellschaft beeinflusst.

Entstehung und Bedeutung von Goodwill

Vereinfacht gesagt entsteht Goodwill bei der Akquisition einer Gesellschaft, wenn der bezahlte Preis den Buchwert der betroffenen Firma übersteigt. Diese Differenz wird als ideeller, besser gesagt, immaterieller Wert in der Bilanz als Aktiva aufgeführt.

Materielle Aktiva werden normalerweise gemäss ihrer Lebensdauer (Grundlage Ersatzkosten) abgeschrieben und bereiten höchstens bezüglich der ansgesetzten Zeitspanne Probleme. Die Abschreibung von immateriellen Aktiven führt aber bereits bei den Gesellschaften zu Diskussionen: schreibt man mehr ab, damit die Steuerrechnung tiefer wird oder schreibt man weniger ab, damit der Gewinn grösser wird? Für den Investor stellen sich eher die Fragen nach der Nachhaltigkeit und dem Ausmass einer gesteigerten Ertragskraft.

Die Frage nach der Behandlung von Goodwill wird immer wichtiger, da Anleger seit geraumer Zeit eine signifikante Prämie über die grundlegende, messbare Etragskraft zu zahlen bereit sind. Die Tatsache, dass bereits rund die Hälfte der wichtigsten US und europäischen Gesellschaften nach Marktkapitalisierung bereits Goodwill von gut 30% ihres Eigenkapitals ausweisen, gibt zu denken.

Buchhaltungsvorschriften

Das International Accounting Standards Board (IASB) schreibt vor, dass Goodwill als separater Rechnungsposten aufgeführt wird. Dieser ist periodisch einer Überprüfung auf Beeinträchtigung oder Verschlechterung zu unterziehen. Falls die ursprünglichen Annahmen bezüglich erwarteten Cashflows sich als zu hoch erweisen, soll die Differenz zu Lasten der Ertragsrechnung abgebucht werden. Die Aufsicht wird den Revisoren übertragen.

Skeptiker (Realisten?) beanstanden natürlich die fehlende direkte Aufsicht und die Konsequenzen bei Nichteinhaltung der Vorschriften. Vielleicht sind es Beispiele wie die Affäre Enron, bei der sich die Firma und Revisionsgesellschaft „arrangiert“ haben oder die fehlerhaften Risikomodelle der Banken vor der Finanzkrise, welche das IASB bewogen haben, die heutige Praxis zu überprüfen. Gemäss ersten Informationen sollen zumindest mehr Details über einzelne Begebenheiten und deren Behandlung verlangt werden. Zudem wird erwägt, zu der Praxis vor diesem Jahrhundert zurückzukehren, wo jedes Jahr ein festgelegter Betrag abgeschrieben wurde.

Aktienbewertung

Es gibt zwar verschiedenste Ansätze eine Aktienbewertung vorzunehmen aber die gebräuchlichsten sind growth (Wachstum) und value (Wert). Bei Wachstum wird das Hauptaugenmerk auf Ertragskraft gerichtet, bei Wert gilt dies offensichtlich dem inneren Wert. Beide werden von der Grösse und Behandlung von Goodwill betroffen.

Die Ertragskraft einer Gesellschaft sollte theoretisch durch Goodwill gesteigert werden, also sollte ein positiver Zusammenhang zwischen den beiden bestehen. Leider ist dies in der Praxis nicht unbedingt der Fall, denn viele Gesellschaften verstecken ihre Fehleinkäufe gerne unter dieser Rubrik. Dazu kommt die Gefahr, dass (je nach Handhabung der Abschreibungspraxis) grössere Beträge der Ertragsrechnung belastet werden müssen.

Kreditwürdigkeit

Auch hier gibt es verschiedene Ansätze, d.h. verschiedene Arten eine Kreditwürdigkeit vorzunehmen. Die von Benjamin Graham und David Dodd aufgestellten Kennzahlen für die Kreditwürdigkeit sind die gebräuchlichsten. Das working capital ratio (Verhältnis der flüssigen Aktiven zu den laufenden Verbindlichkeiten) ändert sich durch Goodwill nicht. Das common stock ratio (Eigenkapital im Verhältnis zur Bilanzsumme) hingegen schon, da das Eigenkapital um Goodwill bereinigt werden muss.

Viel wichtiger ist aber die Gefahr von kurzfristigen Schwankungen in der Ertrags- oder Finanzierungslage. Da die Verschuldung meistens mittel- bis langfristige Obligationen mit einem fixierten Rückzahlungstermin ist, muss eine „Sicherheitsmarge“ einberechnet werden. Wenn bis zu 30% der Eigenmittel risikobehaftet sind, könnte die Kreditwürdigkeit durchaus übererwartet leiden.

Konklusion

In Anbetracht stolzer Bewertungen an den Aktienmärkten und erhöhtem Risiko an den Obligationenmärkten scheint zumindest ein Blick auf den ausgewiesenen Goodwill unerlässlich. Die konservativste Haltung ist, dieses vollständig vom ausgewiesenen Kapital abzuziehen; je nach Gesellschaft genügt auch ein anständiger Diskontierungsfaktor. Auf die Rating Agencies sollte man sich nicht verlassen, denn sie haben in der Vergangenheit allzu oft gesündigt; das letzte Beispiel führte direkt in die Finanzkrise 2008 (AAA für immobiliengesicherte Obligationen).


Christian Wagner
Finanzberater