Wir zeigen mit Hilfe eines Ausflugs in die Spieltheorie auf, warum es so schwierig ist, eine kooperative Lösung aller Nationen hinsichtlich «Klimawandel und Umweltschutz» zu erreichen. Wir wagen eine Prognose, ob und wie der Klimawandel funktionieren könnte.

 

Klimawandel bürdet der gesamten Menschheit erhebliche Kosten auf

Der Löwenanteil dieser Kosten wird nicht von den Verursachern getragen, die Kosten werden nicht externalisiert und die Geschädigten werden nicht finanziell entschädigt.

Die westliche Welt versucht verzweifelt, gegen die Erderwärmung anzukämpfen und den Klimawandel zu verlangsamen. Die zerstörte Umwelt und höhere Temperaturen bürden allen Menschen erhebliche Kosten auf (geringere Lebenserwartung, tiefere Lebensqualität, höhere Preise für Lebensmittel aufgrund von Missernten, Verlust von Siedlungsgebieten usw.).

Der Grossteil dieser Kosten kann nicht verrechnet werden, da es keine richtig definierten und durchsetzbaren Eigentumsrechte gibt. Ein Beispiel: Die Verursacher schlechter Luft (bspw. Landwirtschaftstraktoren ohne Katalysatoren) müssen nicht an die Eigentümer der Luft (wir alle) Entschädigung bezahlen. Der Gesetzgeber billigt ihnen (aufgrund verteilungspolitischer Ziele und der Wahlstimmenmaximierung) das Recht zu, die Luft kostenlos verschmutzen zu dürfen. Das ist hier nicht das Thema, aber wenn der Gesetzgeber wirtschaftlich effizient Luftschadstoffe reduzieren möchte, bringen Verschärfungen der Abgasvorschriften für Autos bei gegebenem Kostenaufwand weniger als die minimale Verschärfung von Abgasvorschriften für landwirtschaftliche Fahrzeuge (und Schiffsdiesel).

 

Eine grünere Wirtschaft schlägt sich in höheren privaten Produktionskosten und höheren Konsumpreisen nieder

Dieser Kampf ist nicht kostenlos, ganz im Gegenteil. Eine grünere Wirtschaft (z. B. Ökostrom) erhöht die Produktionskosten und somit auch die Inflation.
Problematisch ist die Pay-off Matrix von Investitionen in den Umweltschutz, die die Struktur des sogenannten Prisoner’s Dilemma aufweist.

 

Trittbrettfahrer oder Freerider Problem

Die Vorteile einer Verlangsamung des Klimawandels kommen allen Nationen, allen Menschen zugute. Die Kosten tragen jedoch nur diejenigen, die ihre Wirtschaft umweltverträglicher gestalten, Ökostrom produzieren, etc. Diese Struktur entspricht dem Freerider-Problem. Investieren die Industrienationen in Umweltschutz aber die Schwellenländer nicht, können die Schwellenländer den Nutzen (geringerer Temperaturanstieg etc.) ohne Gegenleistung erzielen. Für die Fans politischer Korrektheit sei folgender Satz hinzugefügt: Investieren die Schwellenländer in Umweltschutz und die Industrienationen nicht, können die Industrieländer den Nutzen (geringerer Temperaturanstieg etc.) ohne Gegenleistung erzielen. Der geringere Temperaturanstieg ist ein sogenanntes Gemeingut. Dieses zeichnet sich durch die Nicht-Ausschliessbarkeit aus.

 

Exkurs: Klimaschutz ist ein Gemeingut, ihr Auto ein Privatgut

Ihr Auto ist ein Privatgut. Sie bestimmen, wer damit fährt und wer nicht. Ein geringerer Temperaturanstieg ist ein Gemeingut. Sie können nicht bestimmen, wer nicht davon profitieren soll. Wendet jemand hohe Kosten auf, um den Temperaturanstieg zu verlangsamen, kann dieser «Jemand» nicht bestimmen, dass diejenigen, die keine Kosten für Klimaschutz aufwenden, nicht auch davon profitieren.

Wir nehmen folgende stilisierte Kosten der «Wirtschaftsvergrünung» pro Jahr für ein repräsentatives Schwellenland und eine repräsentative Industrienation an: 600 Mrd. USD. Um denselben umweltverbessernden Effekt zu erreichen, haben Industrienationen höhere Kosten. Auf der anderen Seite dürften Schwellenländer, die in klimatisch unvorteilhaften Zonen oder flutgefährdeten Tiefzonen liegen, tendenziell mehr profitieren. Wir vereinfachen im Folgenden und nehmen an, dass Kosten und Erträge symmetrisch sind.

Wir nehmen zudem an, dass die geldwerten Erträge für Schwellenländer und Industrienationen gleich hoch sind und stilisiert 800 Mrd. USD pro Jahr pro Land betragen, wenn alle Schwellenländer und Industrienationen gleichermassen in Umweltschutz investieren würden. Wenn weder Industrie- noch Schwellenländer in Umweltschutz investierten, würde die Wirtschaft durch zusätzliche, an sich vermeidbare Umweltkatastrophen in Höhe von 100 Milliarden USD jährlich geschädigt.

 

Trauriger Fakt: Energieintensive, umweltschädliche Fertigung verlagert sich zunehmend in Schwellenländer

Die hier verlinkte Grafik zeigt, dass ein Grossteil der verarbeitenden Industrie (nicht zuletzt aufgrund von Kostenvorteilen) in die Schwellenländer verlagert wurde. Der Anstieg lässt sich nicht allein mit dem höheren Wachstum der Schwellenländer erklären.

 

Wenn die Industrienationen/Schwellenländer ihre Wirtschaft «grüner machen», profitieren alle und der Investor «nur unwesentlich mehr»

Wir nehmen an, dass die geldwerten Vorteile, wenn nur die Industrienationen oder die Entwicklungsländer in Umweltschutz investieren, nur halb so hoch sind, wie wenn beide Gruppen investieren: 400 Mrd. USD. Dies ist der Gewinn der Trittbrettfahrer, der von den teuren Investitionen der anderen profitieren und selbst alle Kosten sparen.

 

Pay-off Matrix Klimaschutz

Die eindeutig beste Lösung wäre, wenn Industrienationen und Schwellenländer gleichermassen in Umweltschutz investieren würden. Die Industrienationen und die Schwellenländer würden im Gegensatz zu heute jährlich 200 Milliarden USD «gewinnen».

 

Was denken sich die Schwellenländer?

  1. Angenommen, die Industrienationen investieren in Umweltschutz und wir auch:
    Dann ist unser Gewinn 200. Wenn wir aber nicht investieren (und von den Investitionen der Industrienationen profitieren, ist unser Gewinn höher, nämlich 400. Also ist es für uns am besten nicht zu investieren und stattdessen von den Umweltschutzinvestitionen der Schwellenländer zu profitieren.
  2. Angenommen die Industrienationen investieren nicht in Umweltschutz und wir investieren:
    Dann beträgt unser Verlust 200. Wenn wir uns die Kosten sparen und auch nicht investieren, ist unser Verlust mit 100 geringer.

Fazit: Egal, was die Industrieländer machen, es ist immer profitabler für die Schwellenländer nicht in Umweltschutz zu investieren.

 

Was denken sich die Industrieländer?

  1. Angenommen, die Schwellenländer investieren in Umweltschutz und wir auch:
    Dann ist unser Gewinn 200. Wenn wir aber nicht investieren (und von den Investitionen der Schwellenländer profitieren), ist unser Gewinn höher, nämlich 400. Also ist es für uns am besten nicht zu investieren und stattdessen von den Umweltschutzinvestitionen der Entwicklungsländer zu profitieren.
  2. Angenommen die Entwicklungsländer investieren nicht in Umweltschutz und wir investieren:
    Dann beträgt unser Verlust 200. Wenn wir uns die Kosten sparen und auch nicht investieren, ist unser Verlust mit 100 geringer.

Fazit: Egal, was die Schwellenländer machen, es ist immer profitabler für die Industrieländer nicht in Umweltschutz zu investieren.

Wenn jeder für sich alleine optimiert, werden beide Ländergruppen nicht investieren und das traurige Ergebnis (Umweltschäden in Höhe von je 100 Milliarden USD, was hier dem Nash-Gleichgewicht entspricht) ist, dass zu wenig für die Umwelt, den Klimaschutz getan wird, was wohl der Realität entspricht.

Würden beide zusammenarbeiten, stünden alle besser da. Das Betrügen, das heisst nicht zu investieren und nur so zu tun, als würde man investieren, lohnt sich für beide Ländergruppen.

 

Mehrheit der westlichen Industrienationen ist bereit, für den Klimawandel und den Umweltschutz zu zahlen

Ein Grossteil der westlichen Industrienationen hat nun beschlossen, den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen, unabhängig davon, was die Entwicklungsländer tun. Es ist zu befürchten, dass viele Schwellenländer nicht mitmachen werden (oder nur so tun, als ob sie gegen den Klimawandel und die Umweltverschmutzung kämpfen würden oder aus finanzieller Sicht gar nicht in der Lage dazu sind). Sie werden sich von den «Reichen» nicht vorschreiben lassen, dass sie mehr in den Umweltschutz investieren sollen. Sie werden argumentieren, sie hätten einen tieferen Lebensstandard. Erst, wenn ihr Lebensstandard genauso hoch ist, wenn Hunger und Armut weniger schlimm sind als die Umweltschäden, werden Schwellenländer die Sichtweise von Industrieländern annehmen. «Es ist wichtiger für meine Mitbewohner, dass diese morgen was zu essen haben, als sich übertriebenen Öko-Luxus zu leisten.»

 

Optimum Optimorum kann leider nicht erreicht werden

Damit ist es wahrscheinlich, dass der stilisierte Pay-off unten links Realität wird. Den Industrieländern drohen somit Produktionskostenerhöhungen, von denen die Schwellenländer durch weitere Verlagerungen der besonders umweltbelastenden Industrien noch mehr profitieren dürften.

 

Langfristig müssen die Schwellenländer mitmachen, sonst sind die Anstrengungen vermutlich langfristig nahezu umsonst

Die Kosten, um die Umweltverschmutzung um eine Einheit zu senken, sind in den Schwellenländern tiefer, da die Produktionskosten (Löhne, Gehälter, Rohstoffe) generell tiefer sind. Mit USD 100 Milliarden Investitionen in Umwelttechnologien kann man in den meisten Schwellenländern viel mehr erreichen als in der Mehrzahl der Industrienationen.

 

Ausgleichszahlungen

Eine Lösung bestünde somit darin, dass die reichen Industrienationen den Schwellenländern einen Teil der Investitionen in den Umweltschutz bezahlen. Es gäbe sehr wohl Überwachungsprobleme, aber dank Satellitentechnologie können Betrüger und Umweltsünder kostengünstiger «überwacht und motiviert» werden.

 

Pay-off Matrix Klimaschutz mit Ausgleichszahlungen

 

Wieviel haben die Industrienationen anzubieten, um ökonomisch im Vergleich zum egoistischen Nash-Gleichgewicht zu profitieren?

300 Milliarden stehen zur Verfügung. In der obigen Matrix «Pay-Off mit Ausgleichszahlungen» gehen wir von Zahlungen in Höhe von 250 Mrd. USD and die Entwicklungsländer aus, Auszahlung Ex-Post bei Zielerreichung. Damit stehen die Industrienationen immer noch 50 Mrd. USD besser dar (im Vergleich zur egoistischen Lösung, bei der jeder für sich selbst optimiert, ohne an die anderen zu denken).

Gegeben, dass die Mehrheit der Wähler in den Industrieländern auf jeden Fall mit wesentlich mehr Geld gegen den Klimawandel und die Umweltverschmutzung kämpfen möchte, ist es nun mit den Ausgleichszahlungen auch für die Schwellenländer vorteilhaft, wenn sich diese rein egoistisch verhalten, da sie, falls sie mitmachen, einen Teil der entstehenden Gewinne der Industrienationen in Form von Unterstützungszahlungen erhalten, insgesamt 450, was gemäss Adam Riese höher als 400 ist. Bei dieser Lösung bestünde zudem der «Vorteil», dass sich auch die Produktionskosten in den Schwellenländern aufgrund strengerer Vorschriften erhöhen würden und weniger Güter sinnlos auf den Weltmeeren herumgeschippert würden. Der Wettbewerb über tiefere Standards würde entschärft. Vermutlich wären deshalb die Kosten für die Industrienation netto deutlich tiefer als die tatsächlich geleisteten Zahlungen an die Schwellenländer (strenge Koppelung der Auszahlungen an das Erreichen von Umweltschutzzielen vorausgesetzt).

Kritiker mögen jetzt einwenden, dass China beispielsweise viel für den Umweltschutz investiere und zum Beispiel mit geschätzt 17% einen höheren Anteil an elektronisch betriebenen Fahrzeugen (Autos, LKW, Züge), als die meisten Industrieländer besitze (USA: rund 3%). Richtig! Aber: Keine Industrienation produziert Strom so umweltschädlich wie China (57% wird in Kohlekraftwerken produziert) Quelle: hier!

 

Konklusion

Die westlichen Industrienationen haben beschlossen, egal ob es netto vorteilhaft für sie ist und unabhängig davon, ob die Schwellenländer mitmachen, erhebliche Summen in den Umweltschutz zu investieren und ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit durch eine höhere Kostenbasis zu schädigen.

Am Beispiel der Ablehnung über das CO2-Gesetz in der Schweiz vom 13. Juni 2021 lässt sich aufzeigen, dass ein Alleingang vor allem der eigenen Wirtschaft (und dem eigenen Portemonnaie) schadet, wenig bringt und die Bevölkerung dies erkannt hat.

Bei einem einseitigen Vorpreschen ist es wahrscheinlich, dass noch mehr Teile der verarbeitenden Industrie in Länder mit tieferen Umweltstandards verlagert werden. Alle Bemühungen, den Klimawandel zu stoppen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt, wenn die Schwellenländer nicht mitmachen. Vermutlich besteht von Seiten der Industrienationen wenig Bereitschaft, Ausgleichszahlungen an die Schwellenländer zu leisten. Das Problem Klimaschutz bleibt somit vorerst leider ungelöst. Jedoch stirbt die Hoffnung ja bekanntlich zuletzt. In diesem Fall die Hoffnung auf ein kooperatives, nicht selbst-maximierendes Verhalten. Die Tatsache, dass viele Industrienationen, egal, was die anderen machen, «Unsummen» in den Umweltschutz investieren wollen und werden, ist ein Anzeichen, dass teilweise ein nicht allein selbstbezogenes Verhalten existiert und Teilkooperationen möglich sind.

 

Thomas Härter
Chief Investment Officer Aquila

 

 

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