Schwarze Schwäne

Es macht den Anschein, dass „schwarze Schwäne“ (Nassim Taleb) doch häufiger auftreten als in der Vergangenheit (Finanzkrise, Corona). Da unsere Zeit immer schnelllebiger wird, dürfte dies nicht so überraschen wie die Tatsache, dass solche nicht vorhersehbar sein sollen. Taleb selbst hat darauf hingewiesen, dass nicht nur Virologen seit Jahrzehnten auf die Gefahren von Epidemien hingewiesen haben. Bei der Finanzkrise haben „Insider“ bewusst die allfälligen Konsequenzen der CDO-Machenschaften ausgeblendet und die Mehrheit hat sich gar nicht um die Standfestigkeit von historischen Daten gekümmert.

Egal ob vorhersehbar oder nicht, die Möglichkeit eines solchen Ereignisses sollte ständig berücksichtigt werden. Am einfachsten und elegantesten geschieht dies auf Stufe Asset Allocation, wo die prozentuale Zuteilung des verfügbaren Geldes auf die verschiedenen Anlagekategorien vorgenommen wird. Hier sind die Möglichkeiten der Einflussnahme auf das zu erzielende Resultat (Performance) am grössten.

 

Asset Allocation

Das von der Regulierungsbehörde vorgeschriebene KYC (know your client/customer) ist Grundlage jeder Asset Allocation, wird aber leider allzu oft nur pro forma durchgeführt. Das standardisierte Formular mit Multiple-Choice-Antwortmöglichkeiten mag eine gute Referenz sein, genügt aber nicht, um die wichtigen soft factors wirklich zu erfassen. Zudem sind/müssen viele Antworten dennoch im Gespräch präzisiert bzw. deren Auswirkungen aufgezeigt werden. Am wichtigsten sind diejenigen, die mit Risiken zu tun haben.

Üblicherweise wird auf Grund des KYC die Zuteilung auf die Anlagekategorien gemacht, wobei Aktien und Obligationen das meiste Geld beanspruchen. Eine Kategorie Alternative Anlagen umfasst alles andere, ausser sie wären namentlich erwähnt (Immobilien, Hedgefonds, Edelmetalle, Rohstoffe usw.). Der Risikograd entscheidet über die Gewichtung von Aktien und Obligationen und die Kundenerfahrung oder Diversifikation entscheiden über eine Berücksichtigung der alternativen Anlagen. Die Anlagekategorie Geldmarkt (Liquidität, Cash) umfasst die Gelder, welche nicht anderweitig investiert worden sind und deren Anteil kommt somit eher zufällig zustande.

 

Geldmarkt

Vieles spricht dafür, dass der Anteil liquider Mittel zuerst festgesetzt wird und alle anderen Anlagekategorien erst mit dem verbleibenden Rest alimentiert werden. Diese bewusste Umkehrung des üblichen Vorgehens mag auf den ersten Blick unverständlich sein, hat aber durchaus seine Meriten. Die Absicht ist, weniger Geld zu verlieren, wenn die Finanzmärkte schwach sind und (hoffentlich) mehr zu verdienen, wenn sie stark sind. Kein Geld zu verlieren ist für den durchschnnittlichen Kunden mindestens ebenso wichtig, wie Geld zu verdienen. Da die richtige Asset Allocation für den Hauptteil der Performance verantwortlich zeichnet, ist eine neutrale Ausgangslage (Liquidität) sicher nicht falsch. Zudem wird damit eine Reserve geschaffen, die bei Veränderungen eingesetzt werden kann, ohne vorher Umschichtungen vornehmen zu müssen.

Die Umsetzung dieser Art von Asset Allocation ist relativ einfach. In regelmässigen Zeitabständen, z.B. 1x pro Jahr, wird auf Grund von makroökonomischen Daten und Marktindikationen entschieden, ob die Märkte in den nächsten 12 Monaten aufwärts oder abwärts tendieren werden. Die prozentuale Wahrscheinlichkeit einer Aufwärtsbewegung entspricht dem zu investierenden Anteil des Geldes und umgekehrt. Eine Basisposition von 5-10% ist immer empfehlenswert. Sie deckt allfällige Transaktionskosten und bildet eine eiserne Reserve. Es versteht sich von selbst, dass massive Kursbewegungen eine Neubeurteilung nach sich ziehen müssen.

 

Food for Thought

Es fragt sich, ob starre Bandbreiten für Aktien- und Obligationenanteile wirklich Sinn machen, denn sie basieren auf historischen Erfahrungen, die nicht mehr unbedingt Gültigkeit haben. Die empirische Erfahrung, dass die Performance von Aktien über die Zeit besser ist als diejenige von Obligationen mag wohl noch stimmen, aber „über Zeit“ ist gerade in unserer Zeit kaum noch vertretbar. John Maynard Keynes sagte einmal: In the long run, we are all dead.“ Es fällt zudem auf, dass der Unterschied zwischen dem eingegangenen Risiko (Aktienquote) für die verschiedenen Kundenkategorien relativ klein ist und dass dieses Risiko meist nur den Gesamtmarkt betrifft (Index-ETF). Ein Portfolio von Einzelaktien kann durchaus weniger Risiko aufweisen. Zu guter Letzt scheint die Verschlechterung der Kreditwürdigkeit (Ratings) bei den Obligationen kaum berücksichtigt zu werden.


Christian Wagner
Finanzberater