Februar 2020

Aktienmarktkorrektur vermutlich noch nicht beendet. Weltwirtschaftswachstum zumindest kurzfristig stark betroffen.

Die chinesische Wirtschaft leidet kurzfristig unter dem Corona-Virus. Die «Langlebigkeit» der Seuchenausbreitung ist aktuell nicht abschätzbar. Hat die Angst vor dem Virus vielleicht einen grösseren, negativen Effekt auf die Wirtschaft als der Virus an sich?

 

Einfluss des Corona-Virus schwierig abschätzbar

Die realwirtschaftlichen Auswirkungen des Virus sind praktisch nicht abschätzbar. Zuwenig ist über den Virus selbst bekannt. Es ist unsicher, ob es gelingt die Ausbreitung zu stoppen. Das Risiko der unkontrollierten Ausbreitung in sehr dicht bevölkerten Staaten, die nicht, wie China über effektive Überwachungstechnologien und Durchsetzungsmacht verfügen, ist hoch. Was, wenn der Virus sich in Mumbai, Delhi, Manila, Jakarta, Kairo usw. ausbreiten würde? Davor hat die Weltgesundheitsbehörde Angst und (unter anderem) deshalb hat sie den «internationalen Notstand» ausgerufen.

 

Neuer Corona Virus ökonomisch mindestens so schädlich, wie SARS

Allenfalls eine untere Schadensschwelle kann plausibilisiert werden: Der realwirtschaftliche Schaden während des SARS-Ausbruches bestand unter anderem darin, dass das chinesische Bruttoinlandprodukt während des 1. Quartals 2003 bis zum 2. Quartal um 200 Basispunkte weniger stark wuchs.

Derzeit hat der Virus grosse Teile Chinas und damit den Hauptwachstumsmotor der Weltwirtschaft weitgehend lahmgelegt. Chinesische Touristen geben weltweit zwischen 200-300 Milliarden US-Dollar im Ausland aus, rund 2-mal so viel, wie alle US-Touristen. Die chinesische Nachfrage nach Öl sank bereits um rund 20%.

 

Angebots- und Nachfrageschock

Es handelt sich aber nicht nur um einen Nachfrageschock, sondern auch um einen Angebotsschock: Das Virus hat sich in chinesischen Produktionszentren ausgebreitet, viele Firmen haben die Ferien verlängert oder ihre Produktionsstädten auf unbestimmte Zeit geschlossen. Schätzungsweise 1/3-2/3 der chinesischen Betriebsstädten dürften zumindest diese Woche geschlossen bleiben. Es ist also nicht auszuschliessen, dass der Nettoeffekt des Virus auf die Inflationsraten sogar positiv ist. Nun kommt alles auf die «Langlebigkeit» der «Seuchenausbreitung» an.

 

Ein Versuch, den Coronavirus in das Verhältnis zu anderen Katastrophen zu setzen

Jedes Jahr stecken sich gemäss der Weltgesundheitsorganisation zwischen 700 Millionen und 1.4 Milliarden Menschen mit einer «normalen Grippe» an. Die Anzahl der Toten wird auf rund 650’000 geschätzt.

Das Coronavirus konnte bis jetzt bei rund 20’400 Menschen nachgewiesen werden. Bis jetzt sind leider 427 Menschen verstorben. Die Todesrate wird derzeit auf rund 2% geschätzt. Bei der Spanischen Grippe 1918-1920 wurde vermutlich 1/3 der Weltbevölkerung infiziert. Es wird geschätzt, dass rund 25-50 Millionen Todesopfer resultierten.

Sollte der neue Coronavirus ebenfalls 1/3 der Weltbevölkerung anstecken (eine extrem negative Annahme) und sollte der Virus nicht zu «tödlicheren Varianten» mutieren, resultiert eine «Worst-Case Schätzung» von 40 Millionen.

 

Coronavirus rettete in China vermutlich bis jetzt mehr Leben, als es vernichtete

Oftmals treten schwierig durchschaubare Sekundäreffekte auf, welche die leicht durchschaubaren Primäreffekte überkompensieren oder noch verstärken.

Vermutlich starben durch die Attentate vom 11.09. wesentlich mehr Menschen dadurch, dass irrationaler Wei­se Millionen Amerikaner in den Monaten nach dem Attentat das unsicherere Transportmittel Auto statt das sicherere Transportmittel Flugzeug benutzten. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 2016 rund 256’180 Chinesen an Verkehrsunfällen starben (offizielle chinesische Angaben: 58’022). Dies sind rund 4926 Verkehrstote pro Woche. Rechnet man (auch konservativ) mit einem Rückgang des Strassenverkehrs von rund 20% (entsprechend dem Einbruch der Treibstoffnachfrage), lässt sich schlussfolgern, dass rund 985 tödliche Verkehrsunfälle in der letzten Woche «durch den Ausbruch des Corona-Virus in China verhindert wurden».

 

Die Angst vor dem Virus könnte schlimmer, als das Virus selbst sein

Es geht hier nicht darum, eine zynische Sichtweise auf den Ausbruch des Virus zu propagieren. Vielmehr soll diese Analyse zeigen, dass die Sichtweise der Welthandelsorganisation, die explizit davor warnte, dass nicht überreagiert werden sollte und übertriebene Abschottungsmassnahmen kontraproduktiv seien, vielleicht nicht so falsch war. Genau diese «100% Abschottungsversuche», getrieben von der Angst des Virus werden jedoch derzeit von immer mehr Ländern implementiert. Damit schädigt die Angst (oder «Panikmache») vor dem Virus die Weltwirtschaft vermutlich mehr, als es ein etwas gelassenerer Umgang wie mit einem normalen Grippevirus tun würde. Fast hat man den Eindruck, es findet unter Vernachlässigung der Verhältnismässigkeit ein Wettrennen statt, wer die drastischsten Massnahmen gegen den Virus ergreift. Der Schaden, der hierdurch angerichtet wird, dürfte zumindest ökonomisch erheblich sein. Die tatsächlichen ökonomischen Auswirkungen können erst in den nächsten Wochen abgeschätzt werden, wenn mehr Klarheit darüber herrscht, wie tödlich der Virus ist, wie gut die Eindämmung gelingt und wann absehbar ist, dass die chinesische Wirtschaft wieder mehr «zur Tagesordnung» übergehen kann. Beunruhigend ist, dass der Virus in Schwellenländern angekommen ist, die nicht über die überwachungsstaatlichen Technologien und Zwangsmassnahmen, wie China verfügen, zum Beispiel Indien. Sollte sich der Virus dort festsetzen, dürfte es sehr schwierig sein, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Insbesondere davor hatte die Weltgesundheitsorganisation Angst. Vermutlich werden dieses Jahr mehr Menschen an Grippe sterben. Während gegen die Grippe «nichts» getan wird, legen die Eindämmungsversuche gegen das Coronavirus grosse Bereiche der Wirtschaft Chinas komplett lahm.

 

Kaufverpflichtungen gegenüber den USA schwieriger einzuhalten

Der chinesischen Regierung dürfte es aufgrund der jüngsten Entwicklungen schwerfallen, die im Handelsvertrag eingegangenen Kaufverpflichtungen gegenüber den USA zu erfüllen, welche Herr Trump benötigt, um seine Widerwahlchancen bei den Profiteuren (im wesentlichen Farmer und Industriearbeiter) zu erhöhen.

 

Chinesische Kaufverpflichtungen gegenüber USA schädigen den Rest der Welt

Investoren sollten den Umstand nicht vergessen, dass Käufe umgelagert werden und China, um die Kaufverpflichtungen in den USA erfüllen zu können, weniger in Europa und dem «Rest der Welt» einkaufen wird. Der zu erwartende Nachfrageeinbruch könnte sich somit auf Europa konzentrieren.

 

Veränderte Reaktionsfunktion der Zentralbank

Die FED, aber auch die EZB und die PBOC haben bewiesen, dass sie bereit sind, sehr schnell und massiv einzugreifen, um das Finanzsystem, die Wirtschaft und die Finanzmärkte zu stabilisieren. Die PBOC hat diesen Montag bereits ihre Refinanzierungssätze um 10 Basispunkte gesenkt und Liquidität in die Märkte gepumpt. Trotzdem sank der CSI300, der die 300 grössten chinesischen Firmen beinhaltet um fast 8%.

 

Konjunkturindikatoren hinken Entwicklung hinterher

Eigentlich stabilisierten sich die Konjunkturindikatoren weltweit, die globalen Einkaufsmanagerindizes stiegen auf den höchsten Stand seit 9 Monaten. Aufgrund der raschen Zuspitzung der «Corona Krise» sind Schlussfolgerungen aufgrund der jüngsten Verbesserungen leider «praktisch nicht zulässig».

 

Anlageempfehlung

Aufgrund der hohen Bewertung der US-Aktien sind diese generell korrekturanfällig, auch ohne das Coronavirus.

Wir behalten deshalb unsere Einschätzung bei, Aktien leicht unterzugewichten. Wir bleiben bei unserer positiven Einschätzung gegenüber Gold.

Die gegenwärtige Korrektur könnte eventuell zu einem späteren Zeitpunkt gute Kaufgelegenheiten schaffen. Es ist unserer Einschätzung nach jedoch noch zu früh, die Bewertungen, gegeben die Risiken, noch zu hoch.

 

 


Kontakt: Thomas Härter, CIO, Investment Office
Telefon: +41 58 680 60 44


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