Das von Nassim Taleb als „Schwarzer Schwan“ bezeichnete Ereignis ist eingetreten. Seit dem 24.  Februar 2020 haben die Hauptaktienmärkte die Gewinne des vergangenen Jahres fast wieder hergegeben. Grund dafür war und ist das Ausbrechen des Coronavirus (Sars-CoV-2, COVID-19). Das Coronavirus ist zwar ein Tiefschlag, bietet aber auch die Gelegenheit, bisherige Strategien und Abläufe zu überdenken und als Katalysator für Verbesserungen zu dienen. Selbstverständlich stehen die medizinischen Belange zurzeit im Vordergrund, aber längerfristig müssen auch grundlegende Veränderungen stattfinden.

 

Geldpolitik

Angesichts der Gefahren für Konjunktur und Wirtschaftswachstum sind die Zentralbanken aktiv geworden. Das US Federal Reserve hat an einer ausserordentlichen Sitzung am 3. März 2020 ihren Leitzins um einen halben Prozentpunkt und am Sonntag 15. März um einen ganzes Prozent auf neu    0-0.25% gesenkt. Zudem werden die Staatsanleihen um USD 500 Mrd. und Hypothekenpapiere um  USD 200 Mrd. ausgebaut. Obwohl die Wirtschaftsdaten noch nicht betroffen seien, sollen die Zinssenkungen gemäss Fed-Chef Jerome Powell als vertrauensbildende und vorbeugende Massnahme verstanden werden. Zudem soll dem politischen Druck begegnet und Handlungsfähigkeit demonstriert werden.

An der regulären Sitzung vom 12. März 2020 hat die EZB auf eine Zinssenkung verzichtet, dafür aber zusätzliche Kredite für Banken beschlossen. Zudem sollen bis Jahresende EUR 120 Mrd. an Wertpapieren erworben werden. EZB-Präsidentin Christine Lagarde legt damit den Schwerpunkt auf mögliche Liquiditätsprobleme bei Banken und KMUs.

Die Aktionen der massgebenden Zentralbanken kommen nicht überraschend und werden vermutlich beruhigend wirken, eine Lösung sind sie aber dennoch nicht. Die extrem lockere Geldpolitik zur Rettung der EU und des Finanzsystems mag ihre Berechtigung gehabt haben, ist aber heute fast kontraproduktiv, da das kapitalistische Element in der freien Marktwirtschaft fast ausgehebelt wurde. Der Schwenk der EZB zu gezielten Massnahmen ist zu begrüssen und die Absicht des Feds, den Repo-Markt mit USD 500 Mrd. für 1 Monat und weitere USD 500 Mrd. für 3 Monate zu stützen, geht in die richtige Richtung.

 

Fiskalpolitik

Demokratisch gewählte Regierungen sind für ihre Trägheit bekannt und wenn das Parlament auch noch berücksichtig werden muss, wird aus Trägheit bald wortreicher Stillstand (Brexit). Der Föderalismus beeinträchtigt ebenfalls. Alle Appelle des früheren EZB-Vorsitzenden Mario Draghi für staatliche Hilfe bei der EU- und Finanzkrise waren erfolglos und die letzte staatliche Massnahme der letzten Jahre war die US-Steuerreform kurz nach Amtsantritt des Präsidenten Trump. Heute beschränkten sich Äusserungen von Verantwortlichen auf martialische Sprüche und Allgemeinplätze. Hoffentlich bleibt es nicht nur bei den Notbehelfsmassnahmen, die bis jetzt beschlossen wurden.

Teil des Problems ist die Tatsache, dass die Fiskalpolitik (Keynesianismus) gegenüber dem Monetarismus seit Ende der 60er-Jahre in den Hintergrund getreten ist. Doch die Zeiten haben sich geändert: Die nach dem 2. Weltkrieg sehr erfolgreiche staatliche Nachfrage führte zu hohen Inflationsraten, die heute nicht mehr von Bedeutung sind. Ironischerweise könnte die langersehnte Inflation wegen des Coronavirus wieder zunehmen.

 

Geschäftsstrategien

Seit Inkrafttreten des Vertrags von Rom (04.01.1958) bis und mit dem Vertrag von Lissabon (01.12.2009) haben die EWG und ihre Nachfolgeorganisation die EU, die Ziele eines gemeinsamen Marktes und einer Annäherung der Wirtschaftspolitik gehabt. Eine gemeinsame Währung, verschiedene Handelsverträge, die Aufnahme Chinas in die WTO u.a.m. unterstützten die Globalisierung der Wirtschaft. Die nationalistischen Tendenzen sind ein relativ neues Phänomen, gewinnen aber zunehmend an Kraft.

Die Wirtschaft muss jetzt erfahren, dass die Globalisierung nicht nur die idealen Voraussetzungen, sondern auch ein systemisches Risiko sein kann. Outsourcing und Just-in-timeLagerbestände sind nur zwei Stichwörter einer ganzen Reihe von Usanzen, die jetzt hinterfragt werden müssen. An vorderster Stelle stehen Produktionsanlagen und Lieferketten. Der Fokus auf Kostensenkung muss einer weitergefassten Kosten-/Nutzung-Analyse weichen. Parallelorganisationen und Redundanzen sind kostspielig aber im Endeffekt vielleicht die bessere Lösung.

 

Anlegerverhalten

Die Lehren für den Anleger drehen sich um die zwei Themen Bargeld und Indexprodukte. Obwohl von den Finanzprofis verpönt, ist das Halten von Liquidität taktisch sehr oft richtig, Verluste sind ausgeschlossen und Handlungsfreiheit ist gesichert. Indexprodukte sind wohl günstig, machen aber jede Korrektur 1 zu 1 mit. Ausgesuchte Einzelaktien können Indices durchaus schlagen, so dass Indexprodukte besser nur als einzelner Bestandteil der Aktienquote berücksichtig werden sollten.


Christian Wagner
Finanzberater