Mit der Entwicklung mehrerer Impfstoffe ist Licht am Ende des Pandemietunnels erkennbar. Sollten Investoren jetzt in COVID-19 Verlierer investieren? Und falls ja, was sollte dabei beachtet werden? Wir präsentieren Gedanken zur Gastronomie, zu den Impfstoffen und der Zeitdauer bis zur Aufnahme des Normalbetriebs. Zuletzt beschäftigen wir uns mit der Charakterisierung erfolgsversprechender Investitionen.

 

Besonders negativ betroffene Branchen

Die Lockdown-Massnahmen, die zur Bekämpfung der COVID-19 Pandemie ergriffen wurden, hatten weltweit eine verheerende Auswirkung auf Restaurants, Hotels, Airlines und die Tourismusindustrie im Allgemeinen, aber auch auf die Öl-, die Unterhaltungs- (wie z. B. Vergnügungsparks) sowie die Flugzeugindustrie.

 

Eine kleine Analyse der Gastronomie

Einige wenige «Gastgewerbler» konnten einen kleinen Teil der entgangenen Umsätze durch die Umstellung auf «Takeaway» und «Essenslieferungen» kompensieren. Vielen, eher hochpreisigen Restaurants blieb dieser Weg jedoch verwehrt.

Besonders in den hart betroffenen Ländern Grossbritannien, Spanien und Italien könnte, trotz den Impfstoffen, ein Massensterben von Gastronomiebetrieben resultieren. Branchenexperten gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel aller Restaurants in den nächsten Monaten der Insolvenz nicht entkommen dürften.

Entscheidend für das Schicksal vieler Unternehmen wird sein, wann genau der Normalbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

In Grossbritannien wurde der erste Impfstoff bereits zugelassen, die Impfungen beginnen «sofort». Damit stehen die Aussichten gut, dass spätestens Mitte 2021, eventuell bereits im Frühjahr, der «Normalbetrieb» in Gaststätten wieder aufgenommen werden kann.

Hierbei wird entscheidend sein, ob die Mindestabstände reduziert werden können, damit die Angebotskapazität nicht mehr eingeschränkt ist. Mit einem Mindestabstand von 2 Metern können viele Restaurants nicht mehr die alte Profitabilität erreichen, da sie so nur mit 35%-50% Kapazität operieren können. Ebenso wichtig sind die Öffnungszeiten. Insbesondere Bars haben Schwierigkeiten profitabel zu sein, wenn die Öffnungszeiten weiter eingeschränkt bleiben. Eine zeitlich beschränkte Öffnung reicht nicht aus, um die nötigen Umsätze erwirtschaften zu können.

 

Krise könnte auch Chancen für Anleger eröffnen

Was sind für Anleger die Chancen in der Krise? Vermutlich wird die Angebotskapazität im Gastgewerbe durch Marktaustritte in den meisten europäischen und amerikanischen Ländern, weniger in Asien, deutlich schrumpfen.

Gleichzeitig ist mit Nachholeffekten der Konsumenten zu rechnen, wenn die Lockdowns endgültig beendet sind. Alle Daten weisen darauf hin, dass die Konsumenten im Jahr 2020 dort konsumiert haben, wo es möglich war. Statt einem Sommerurlaub (und dem eigentlich anstehenden Winterurlaub), statt ins Restaurant, ins Kino oder in den Tanzkurs zu gehen, wurden physische Konsumgüter z.B. Unterhaltungselektronik und Kleider (online) gekauft. Teile der Konsumgüterindustrie konnten ihre Umsätze im Vergleich zur Vor-COVID-19-Zeit sogar deutlich steigern. Somit besteht im Dienstleistungsbereich ein grosser Nachholbedarf, der sich entladen dürfte, sobald die Pandemie «besiegt» erscheint. Diese Aussagen werden durch die folgenden 2 Grafiken untermauert. Es zeigt sich deutlich, dass die US-Konsumenten ihren Konsum von Dienstleistungen während der Lockdowns der ersten Infektionswelle stärker als den Konsum von Gütern einschränkten (Grafik 1).

Grafik 1: Persönliche Konsumausgaben USA in Milliarden US-Dollar

Persönliche Konsumausgaben USA in Milliarden US-Dollar
Quelle: Refinitiv Datastream

 

Gerade wegen der Schwierigkeit, sich durch den Konsum von Dienstleistungen «glücklich zu machen», haben die Konsumenten dies versucht, indem sie stattdessen Konsumgüter kauften, «wie noch nie zuvor» (Grafik 2). Ein Grossteil dürfte auf Online-Shopping zurückzuführen sein.

Grafik 2: Persönlicher Güterkonsum USA in Milliarden US-Dollar

Persönlicher Güterkonsum USA in Milliarden US-Dollar
Quelle: Refinitiv Datastream

 

Deutlicher Nachholbedarf im Konsum von Dienstleistungen nach Beendigung der Lockdowns

Somit dürfte eine zumindest temporär erhöhte Nachfrage auf ein vermindertes Angebot stossen. Diese Aussage gilt natürlich nicht nur für das Gastgewerbe, sondern auch für die Hotellerie und für die Flug- und Reisebranche. Fragen Sie sich selbst, wieviel Sie bereit sind für die nächsten Ferien auszugeben, wenn Sie wieder weitestgehend gefahrlos in die Sommerferien reisen können oder eine «spontane Fernreise» unternehmen können. Um die Frage lokaler zu stellen, fragen Sie sich , ob Sie für sich selbst einen Nachholbedarf diagnostizieren und, nachdem die Pandemie endgültig besiegt ist, statt Güter zu kaufen, lieber wieder mal auf den Titlis hochfahren wollen, mal wieder richtig gediegen essen gehen wollen und sich eine tolle Fernreise gönnen wollen oder wenigstens wieder mal in ein Thermalbad mit tollen Rutschen gehen wollen.

Wie könnte man als Investor eine absehbare Rückkehr zur Normalität nutzen? Viele Unternehmungen sind, gemessen an einer pandemiefreien Welt, die den Weg in die Normalität zurückgefunden hat, günstig bewertet, auch nach den Kursavancen in den letzten Wochen seit den positiven Nachrichten an der Impffront. Dies gilt natürlich, wenn man davon ausgeht, dass diese Firmen den sich abzeichnenden «harten Winter» mit Abstandregeln auch überleben werden und die Aktionäre in der Zwischenzeit nicht zu stark (am besten gar nicht) verwässert werden.

 

Eine Analyse der anstehenden Impfungen

Zunächst eine Analyse zu den Impfstoffen: Es ist wahrscheinlich, dass die ersten grossflächigen Impfungen bereits in wenigen Tagen beginnen werden. Mit einer grossflächigen Impfung ist bis Mitte 2021 oder 4. Quartal 2021 zu rechnen. Bei den derzeitigen Ansteckungsraten müssten aufgrund des sehr hohen Impfschutzes von 95% (falls sich diese Zahl bestätigen sollte) «nur» rund 65% der Bevölkerung geimpft werden, damit die Pandemiegefahr gebannt ist und die Lockdown-Massnahmen beendet bzw. gelockert werden können. Wie berechnet sich diese Zahl? Nimmt man an, dass jeder COVID-19 Infizierte ohne Lockdown-Massnahmen im Durchschnitt drei Personen infiziert, so würde er nach erfolgter Impfung im Durchschnitt nur noch eine Person anstecken, wenn 2/3 aller Personen immun sind. Geht man davon aus, dass bereits 5% der Bevölkerung immun sind (da sie die Krankheit bereits hatten) und die Wahrscheinlichkeit, die Krankheit trotz Impfung zu bekommen, bei 5% liegt, dann kann die gesuchte Zahl x (wieviel % müssen sich impfen lassen) wie folgt berechnet werden:

x-mal 0.95 + 0.05 muss etwas grösser als «zwei Drittel» sein (Ergebnis: 0.65)

Anders ausgedrückt: wenn 35% der Bevölkerung «Impfverweigerer» wären, wäre die Pandemiegefahr trotzdem gebannt, nachdem sich 65% der Bevölkerung einer erfolgreichen Impfung unterzogen haben. Vermutlich muss somit kein Impfzwang eingeführt werden. Damit ist die Euphorie der Märkte durchaus nachvollziehbar, sofern sich die Wirksamkeit der Impfstoffe bestätigen sollte.

 

Finanziell Schwächeren droht trotz absehbarem Pandemieende der Bankrott

Da die Zeit bis zur Wiederaufnahme des Normalbetriebs jedoch zwischen 3-9 Monate andauern könnte, werden die Schwächeren nicht überleben oder nur dann überleben, wenn sie zu schlechten Bedingungen Kapitalerhöhungen durchführen.

 

In die finanziell Starken innerhalb der Problembranchen investieren

Deshalb könnte eine erfolgsversprechende Investitionsstrategie wie folgt formuliert werden:

Es ist ratsam, bereits jetzt einen Teil seines Vermögens in Unternehmungen der durch die Pandemie besonders negativ betroffenen Problemindustrien zu investieren. Die Investitionen sollten sich jedoch auf die besseren 2/3 der Firmen in der betreffenden Branche, gemessen an der Kreditwürdigkeit, konzentrieren.

Selbstverständlich ist das Erholungspotential bei den Problemkandidaten wesentlich grösser, das Chancen-Risikoverhältnis dürfte jedoch eher ungünstig sein. Zudem bestehen Chancen, dass «die Gesunden», die «Kreditproblembehafteten» zu günstigen Konditionen aufkaufen können.


Thomas Härter
Chief Investment Officer Aquila