Am 15. Juni 2018 wurden das FIDLEG und FINIG von den eidgenössischen Räten verabschiedet. Die Einigung in den Räten ist in der letzten Session sehr schnell vorangeschritten und das Ergebnis ist wie erwartet. Das FIDLEG wird zwar erhebliche Auswirkungen auf die Pflichten eines Vermögensverwalters haben, jedoch kann das FINIG dabei helfen, die Akzeptanz der schweizerischen Vermögensverwalter im internationalen Verhältnis zu verbessern, insbesondere hinsichtlich der künftigen Bewilligung durch die FINMA. Eine Lösung für den Marktzugang oder für eine gleichwertige Umsetzung der europäischen MiFID Regulierung ist es selbstverständlich nicht, jedoch werden mit den beiden Gesetzen einige Lücken in der Schweiz betreffend Verhaltens- und Produkteregeln geschlossen. Gleichzeitig stellen sich nun aber auch diverse neue Fragen in Bezug auf Abweichungen zwischen den Vorschriften aus MiFID und FIDLEG und wie damit umzugehen ist.

Da sich einige Finanzinstitute in den letzten zwei Jahren bereits intensiv mit der (zumindest teilweisen Umsetzung) von MiFID II beschäftigt haben, ist eine gewisse Entspannung betreffend die kommenden FIDLEG Vorschriften spürbar. Wer heute mind. in den Grundzügen MiFID II konform ist, kann einigermassen beruhigt sein, da die Verhaltensvorschriften aus dem FIDLEG klar unter den Anforderungen von MiFID stehen. Der Anlegerschutz ist in der europäischen Regelung um einiges höher. Wer jedoch keine EU-Kunden betreut, für den werden die Hürden für die Umsetzung von FIDLEG etwas höher sein. Als Knackpunkte können insbesondere die Dokumentations- (u.a. Suitability Themen) und Informationspflichten betitelt werden. Eine noch grössere Herausforderung wird vielmehr FINIG mit den erforderlichen Bewilligungs- (Anforderungen an die Corporate Governance eines einfachen Vermögensverwalters) und Registrierungspflichten (Kundenberaterregister).

Nachfolgend thematisierte Punkte bergen aus unserer Sicht noch einige Unklarheiten hinsichtlich der Umsetzung, resp. Auslegung von FIDLEG, insbesondere auch in Bezug auf Abweichungen zu MiFID II:

Kundensegmentierung

Die Komplexität zur Kategorisierung der Geschäftsbeziehungen in Kundenkategorien wird zunehmen, wie die nachfolgende Aufstellung zur Kundensegmentierung aufzeigt:

Die Anlagekategorien im KAG sind derzeit noch in Diskussion. Es wäre jedoch durchaus sinnvoll, diese in Übereinstimmung mit dem FIDLEG zu bringen, insbesondere, da die KAG Definition zusätzlich zur FIDLEG Kategorisierung bestehen bleibt. Sicherlich nicht sinnvoll ist es, drei verschiedene Kundenkategorien (wie oben dargestellt) zu führen.

Eignungs- und Angemessenheitsprüfungen

Im Unterschied zu MiFID II soll gemäss FIDLEG bei Execution Mandaten gar keine Prüfung nötig sein, auch nicht beim Einsatz von komplexen Produkten. Dies ist eine Vereinfachung, jedoch eine Herausforderung, wenn Kunden aus der Schweiz und dem EU-Raum betreut werden. Die einfachste Lösung zu diesem Problem ist es selbstredend, für EU-Kunden keine Execution Mandate anzubieten. MiFID II behandelt die Anlageberatung und Vermögensverwaltung hinsichtlich die Geeignetheitsprüfung gleich – bei beiden Mandatsverhältnissen ist eine Suitability (Eignungsprüfung) nötig, unter Berücksichtigung der Anlageziele, der finanziellen Situation sowie der Kenntnisse und Erfahrung des Kunden. Das FIDLEG macht es etwas komplizierter und unterscheidet zwischen Beratung und Verwaltung, indem es die Beratung in eine eingeschränkte (nur transaktionsbezogene) und eine umfassende Beratung unterteilt. Je nachdem ist eine Angemessenheitsprüfung oder eine Eignungsprüfung nötig. In der Praxis bedeutet dies jedoch faktisch eine Gleichbehandlung analog MiFID II, da ein klassisches Beratungsmandat in der Regel einer umfassenden Beratung gleichkommt. Somit wäre sowohl für eine Beratung, als auch bei der Vermögensverwaltung jeweils eine Eignungsprüfung durchzuführen, analog der MiFID Regelung.

Retrozessionen

Ein wesentlicher Unterschied ist der Umgang mit Retrozessionen, da das FIDLEG Retrozessionen mit den entsprechenden, bereits heute geltenden Offenlegungsvorschriften weiterhin zulässt. Auch hier muss der Finanzintermediär aus Risikosicht eine Unterscheidung zwischen Kunden aus dem EU / EWR Raum und solchen ausserhalb der EU/EWR vornehmen. Vorsicht ist jedoch weiterhin bei der Benennung eines Vermögensverwalters als „unabhängiger Vermögensverwalter“ geboten, wenn dieser in irgendeiner Form Retrozessionen einbehält und gleichzeitig EU-Kunden betreut. Im EU-Raum gilt ein Vermögensverwalter nicht als unabhängig, wenn er Retrozessionen erhält. Dies ist nicht mit unserem Verständnis in der Schweiz zu verwechseln, dass man sich als unabhängig bezeichnen darf, sobald man nicht (mehr) als Bankmitarbeitende(r) gilt.

Vertriebsträger und Berater

Die Vertriebsträger, welche heute über eine spezifische Bewilligung der FINMA zum Vertrieb von kollektiven Kapitalanlagen verfügen und deren Aufsicht unterstehen, werden künftig in ein Beraterregister eingetragen und werden dadurch nicht mehr beaufsichtigt sein. Die gleiche Regelung betrifft auch Institute, welche ausschliesslich als Berater tätig sind und ohne Verwaltungsvollmachten agieren.

Vom neuen Bewilligungs- und Aufsichtsregime werden Gesellschaften betroffen sein, welche nicht bereits als KAG-Vermögensverwalter (künftig sog. „qualifizierter Vermögensverwalter“) mit einer entsprechenden FINMA Lizenz tätig sind. Die einfachen Vermögensverwalter (mit heutigem SRO Anschluss), welche heute über eine separate Vertriebsträgerlizenz der FINMA verfügen, werden diese somit künftig nicht mehr benötigen. Dies bedeutet auch, dass sämtliche bestehenden Vertriebsvereinbarungen zu überarbeiten, resp. zu überdenken sind. Fraglich ist jedoch, wie (und ob) der Vertrieb von kollektiven Kapitalanlagen künftig beaufsichtigt wird. Der Begriff „Vertrieb“ wird im FIDLEG (Art. 3 Bst. und i) mit dem Begriff „Angebot“ ersetzt. Ein Problem könnte künftig der Vertrieb, resp. das Angebot von ausländischen Produkten sein. Wie kann künftig ein ausländischer Fonds vertrieben werden (insbesondere im EU-Raum), ohne im Herkunftsland des Fonds nachweisen zu können, dass das vertreibende, resp. anbietende Institut prudentiell beaufsichtigt ist (auch im Bereich des Vertriebs)?

Fazit

Jeder Vermögensverwalter, welcher EU-Kunden und Kunden ausserhalb des EU/EWR Raums betreut, sollte sich bereits heute mit zwei verschiedenen Kundenkategorien auseinandersetzen. Einerseits betrifft dies die schweizerische KAG Kategorie mit der Unterscheidung in qualifizierte und nicht qualifizierte Kunden (sämtliche Vermögensverwaltungskunden sind qualifizierte Kunden und Beratungskunden nur, sofern eine schriftliche „opt-in“ Erklärung vorliegt) und andererseits die Kategorisierung nach MiFID II, welche die Kunden grundsätzlich als nicht-professionell einstuft. Es ist bereits heute sinnvoll, für jeden Kunden eine MiFID- und eine KAG-Kategorisierung vorzunehmen. Werden keine EU-Kunden betreut, so kann Stand heute eine reine KAG-Kategorisierung vorgenommen werden und künftig zusätzlich eine FIDLEG-Kategorisierung sinnvoll sein. Es muss sich jedoch erst noch zeigen, inwiefern die Definition vom KAG mit jener des FIDLEG übereinstimmen wird.

Betreffend die erforderlichen Eignungs- und Angemessenheitsprüfungen wird es in Zukunft schwierig sein, dies ohne ein System handhaben zu können, insbesondere auch was den Nachweis der Durchführung dieser Eignungs- und Angemessenheitsprüfungen betrifft. Eine Systemlösung wird sich voraussichtlich auch als Marktstandard durchsetzen. Bis Mitte 2019 sollte sich ein Vermögensverwalter für ein System entschieden haben, welches seinen Bedürfnissen entspricht oder sich von den Depotbanken die entsprechende Unterstützung einholen. Dies kann bspw. bei einer exklusiven Zusammenarbeit des Vermögensverwalters mit einer Depotbank sinnvoll sein, weniger aber beim Einsatz von mehreren Depotbanken.

Betreffend den Einsatz von Vermögensverwaltungs- oder Beratungsmandaten gibt es aus Praxissicht auch unter FIDLEG eine Bevorzugung von Verwaltungsmandaten, wie dies bereits unter MiFID der Fall ist, da diese Mandatsform etwas weniger Pflichten mit sich bringt. Konkret geht es im FIDLEG um die Zurverfügungstellung von Basisinformationsblättern für Finanzprodukte (vorbehältlich Aktien und Obligationen). Wird ein Verwaltungsmandat abgeschlossen, fällt diese Pflicht weg.

Die künftige Bewilligung durch die FINMA betrifft praktisch jeden Vermögensverwalter, welcher heute als einfacher und unabhängiger Vermögensverwalter mit einem SRO-Anschluss tätig ist. Da die „Grandfathering-Klausel“ gestrichen wurde, sind die Bewilligungsvoraussetzungen für alle Vermögensverwalter grundsätzlich gleich. Dies betrifft auch die Registrierungsvoraussetzungen für den Eintrag in das Beraterregister.

Ein aktuell wesentlicher Bedarf für einen kleineren Vermögensverwalter ohne Risk- und Compliance Funktion ist es derzeit sicherlich, die verschiedenen Möglichkeiten zu eruieren, welche dazu dienen, dem Vermögensverwalter die Weiterführung des Betriebs auch unter FIDLEG zu ermöglichen (Erfüllung der Bewilligungsvoraussetzungen). Die im FIDLEG vorgesehenen Übergangsfristen sind verhältnismässig kurz, was bedeutet, dass man sich spätestens im Laufe von 2019 mit den organisatorischen Vorkehrungen (bspw. Outsourcing von Funktionen oder Anschluss an eine Plattform) auseinandersetzen sollte.


Vivien Jain
Head LCR Services Aquila