Fintech (Finanztechnologie) ist das neue Modewort in der Finanzindustrie, erst recht in der Schweiz wo Private Banking und Wealth Management einen ausgezeichneten Ruf geniessen. Einfachere, benutzerfreundliche und vor allem kostengünstigere Lösungen für die Geldanlage sollen das klassische Beratungsmodell ablösen. Gewisse Stimmen sprechen gar von einer digitalen Vermögensverwaltung.

 

Robo-Advisor

Der Begriff Robo-Advisor setzt sich aus dem Wort robot (Roboter) und advisor (Berater) zusammen und bedeutet eine automatische Beratung und Abwicklung in der Anlageberatung. Diese erfolgt auf Empfehlungen eines auf Algorithmen basierten System auch ohne menschliche Beteiligung.

Es gibt 3 Kategorien von Angeboten, abgestuft nach Beratungsaufwand. Erstens, die reinen Robo-Advisors, bei denen der Investitionsprozess ohne persönliche Beratung vollautomatisiert ist. Die Mindestanlage beträgt meist CHF 5 000, kann aber auch das Doppelte betragen, wenn zusätzliche digitale Dienstleistungen, wie Zugang zu kollektiver Intelligenz, gewünscht werden. Zweitens, Hybrid-Angebote, wo nebst dem vollautomatischen Prozess eine punktuelle Beratung erfolgt. Der Mindestanlagebetrag beträgt CHF 20 000. Drittens, das von den Grossbanken offerierte „beratungsunterstützte digitale Anlegen“ mit einem Mindestanlagebetrag von CHF 250 000.

 

Vorteile des digitalen Anlegens

Die Vorteile für die Banken sind offensichtlich. Einerseits können sie Prozesse optimieren, anderseits Geld sparen. Ein beratungsunterstütztes, digitales Anlegen bedeutet weniger Aufwand pro Kunde und eine gewisse Vereinheitlichung, obwohl die gefundene Lösung kundenbezogen (tailor-made) ist. Die Automatisierung bedeutet nicht nur weniger Personalaufwand sondern, dass die Kundenberater weniger Expertise brauchen. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch die Verschiebung der Verantwortung: der Kunde bestimmt die Strategie selber und ist somit für seine Performance verantwortlich. Das so entscheidende KYC (know your client) wird viel einfacher.

Die Vorteile für die Kunden sind geringe Mindestanlagen, niedrige Kosten und kleiner Zeitaufwand. Die jährlichen Grundkosten sind, nach dem Beratunsaufwand gestaffelt, meist unter 1%. Der Algorithmus übernimmt die Anlageentscheidungen und führt fällig werdende Anlageentscheide selbständig aus. Dadurch lassen sich emotionale Entscheide des Kunden vermeiden.

 

Nachteile des digitalen Anlegens

Nachteile für die Banken sind in zwei Bereichen zu erkennen. Sowohl die IT-Umsetzung selbst, als auch die Beurteilung der neuen Dienstleistung können für negative Überraschungen sorgen. Ungeachtet der „normalen“ Probleme bei jeder IT-Applikation birgt die Grundlage der Theorie Gefahren. Als Basis für die Anlagestrategie dient z.B. meist die Portfoliotheorie des Ökonomen Harry Markowitz. Nichts gegen diese Theorie, aber die praktische Umsetzung macht jedem Vermögensverwalter seit jeher Mühe. Die Beurteilung kann durchaus negativ ausfallen; vor allem kleinere Kunden sind schon länger mit dem Service der Banken unzufrieden. Bereits die Unterscheidungen zwischen retail bis ultra-high net worth individual sind schlecht aufgenommen worden und das Gefühl, „nur eine Nummer zu sein“, könnte durch Robo-Advisor verstärkt werden.

Nachteile für die Kunden sind, wie oben beschrieben, das Gefühl einer zunehmenden Marginalisierung. Gemäss Duden bedeutet „beraten“ 1) jemanden einen Rat geben, mit Rat beistehen, 2) gemeinsam überlegen und besprechen. Mit einem Robo-Advisor ist dies nicht möglich. Der Kunde muss gewisse Fragen beantworten und das Ergebnis des Computers akzeptieren. Eine einmal festgelegte Strategie wird konsequent befolgt, bei jeder Änderung beginnt der Prozess von neuem. Bis heute ist auch die Auswahl der Finanzprodukte, welche berücksichtigt werden können, relativ klein. Einzelaktien sind nicht überall möglich, Derivate und alternative Anlagen erst recht nicht.

 

Beurteilung

Hoffentlich erkennt man, dass die Maschine (Robo-Advisor), dessen Möglichkeiten sicher noch gewaltig ausgebaut werden können, nur ein Baustein sein sollte und, dass der Mensch in seiner Rolle als Kundenberater eine meist wichtigere Rolle spielt als angenommen. Als Beispiel diene nur das Beispiel des Risikoprofils: die Erfahrung zeigt, dass die multiple choice Antwort (tief bis hoch) fast immer anders ausfällt als die mündliche Antwort auf eine konkrete Zahl für einen akzeptierbaren Verlust (im Durchschnitt eine Kategorie tiefer).

Der vermehrte Einsatz von Computern in der Anlageberatung und/oder Vermögensverwaltung über die letzten 30 Jahre hat sicher zu einer Vereinfachung aber nicht zu einer Verbesserung der erzielten Performance geführt. Der Robo-Advisor muss noch beweisen, dass die erzielten Resultate sowohl menschlich als auch resultatmässig akzeptabel sind. Es ist anzunehmen, dass das alte Sprichwort noch immer seine Gültigkeit behält: „Geldanlegen ist eine Kunst, keine Wissenschaft“.


Christian Wagner
Finanzberater