Die unabhängigen Vermögensverwalter sehen sich vielen wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen gegenüber. Wir analysieren diese, zeigen Lösungsmöglichkeiten auf und versuchen einen Ausblick zu geben.

 

 1. Wachstum

Seit der Finanzkrise 2008 sind die verwalteten Vermögen in der Schweiz um rund 50% gesunken. Dies, trotz positiver Renditen. Der SMI stieg beispielsweise ebenfalls um rund 50%. Wenn das Bankgeheimnis keinen Vorteil mehr liefern kann, weil es für Kunden mit ausländischem Wohnsitz keine Gültigkeit mehr hat, gewinnt die Nähe zum Kunden an Bedeutung.

Das Erbringen von Leistungen am Wohnsitz des Kunden wird zentral. Damit steigt die Notwendigkeit, Geschäftsreisen zu tätigen. Dies wiederum führt zu Spannungen im regulatorischen Umfeld, da alle Staaten, insbesondere die USA und die EU ihre heimischen Finanzdienstleister mit allen erdenklichen nichttarifären Handelshemmnissen gegenüber ausländischen Anbietern –nicht gerade erfolglos- zu schützen versuchen.

Was können unabhängige Vermögensverwalter tun?

Eine Verbreiterung der Dienstleistungspallette, das Suchen von „Verbündeten“, umfassende Family Office Dienstleistungen die weit über die Vermögensverwaltung hinausgehen, anbieten zu können dürfte erfolgsversprechend sein. Im Wort Dienstleistung ist das Wort „Dienen“ enthalten. Für das Management komplexer Problemportfolios sind die Kunden auch in Zukunft bereit zu zahlen, für standardisierte Asset Managementdienstleistungen hingegen nicht. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass Kunden oftmals über die Jahre hinweg zu Freunden werden. Deshalb ist es auch sehr schwierig, durch Akquisitionen zu wachsen. Freunde lassen sich weder verkaufen, noch einkaufen. Freundschaft muss über Jahre hinweg erarbeitet werden. Gelingt dies nicht, wird lediglich eine wertlose leere Hülle teuer eingekauft.

Die „Retro-Hinterlassenschaften“, Rechtsfälle, Kundendokumentationen usw. stellen eine zusätzliche Hürde für Wachstum durch Übernahmen dar.

2. Marktzugang

Der Marktzugang vor Ort ist für schweizerische Vermögensverwalter trotz der theoretisch vorhandenen FIDLEG & FINIG Äquivalenz, die sicherstellt, dass schweizerische Vermögensverwalter mindestens genauso gut zum Wohle der Kunden reguliert werden, wie ausländische Finanzdienstleister, praktisch nicht gewährleistet. Es wäre wünschenswert, wenn die Handelshemmnisse im Bereich der Finanzdienstleistungen unter Gewährung der Reziprozität zumindest mit der EU weitgehend abgebaut werden würden. Die Realisierung dieses Wunsches dürfte jedoch in den nächsten Jahren nicht gelingen. Nur grössere Vermögensverwalter können sich „ausländische Tochtergesellschaften“ leisten.

3. Digitalisierung

Um kostengünstig alle regulatorischen Auflagen und Vorgaben des Kunden jederzeit zu erfüllen, effizient mit dem Kunden über alle relevanten Informationen zu kommunizieren und steueroptimiert anlegen zu können, ist eine zuverlässige IT-Infrastruktur mit allen notwendigen Schnittstellen unverzichtbar. Ohne eine leistungsfähige IT-Infrastruktur ist es unmöglich, alle Regulierungsvorschriften einhalten zu können. Die Liste der Erfordernisse, für die es teilweise (noch) nicht einmal gängige deutsche Bezeichnungen gibt, wird immer länger: Loss barrier reporting (Verlustschwellenrapporte), Pre trade checks, (Vorhandelskontrollen), tax suitability (Steuereignungsüberprüfungen) usw. lassen grüssen. Die Kosten hierfür multiplizieren sich mit der Anzahl Länder. Pro Land sollten rund 10 Tausend budgetiert werden. Vor diesem Hintergrund wünschen sich die schweizerischen Vermögensverwalter, selbst unabhängig zu bleiben.

4. Regulierung

Die Kosten, die auf die unabhängigen Vermögensverwalter zukommen, um alle Regulierungsvorschriften, MiFID, FIDLEG, FINIG und alle Direktiven, alle Reporting-Vorschriften usw. einhalten zu können, schätzen wir auf insgesamt 80 000 bis 100 000 Franken pro Jahr. Diese setzen sich zusammen aus: Anwendungen: 30 000 – 40 000, Compliance 30 000 – 40 000 und Abschlussprüfungen 15 000 Tausend. Das gleichzeitige Einhalten von in- und ausländischen Vorschriften, möglicherweise von mehreren ausländischen Anordnungen, falls der Kunde mehrere Wohnsitze hat, führt zu enormen Komplexitätskosten.

5. Rendite nach Steuern

Die unabhängigen Vermögensverwalter müssen die lokale Steuergesetzgebung ihrer Kunden und die lokalen steueroptimierten Instrumente kennen. Deshalb müssen Musterportfolios nicht nur für unterschiedliche Risikoprofile, sondern auch für unterschiedliche Steuerprofile erstellt werden. Für diesen Zweck sind geeignete Portfoliomanagementsysteme unabdingbar.

 

Ausblick

Die Anzahl der unabhängigen Vermögensverwalter dürfte weiter sinken. Die durchschnittliche Grösse der unabhängigen Vermögensverwalter hingegen, dürfte deutlich ansteigen. Die Grundvoraussetzungen für Wachstum sind weiterhin gegeben. Die Schweiz verfügt über politische Stabilität, die härteste Währung der Welt, die den wohl sichersten Anlagehafen in Krisenzeiten darstellt. Das Ausbildungsniveau ist hoch, die Reputation hinsichtlich der für das „Peoples Business“ erforderlichen Charaktereigenschaften, wie beispielsweise Vertrauen, Zuverlässigkeit, Kompetenz, Dienstleistungsbereitschaft, Verschwiegenheit usw. sehr gut. Nicht zuletzt macht es Kunden immer noch Freude, ihren Besuch bei ihrem Vermögensverwalter mit einem Urlaub in der Schweiz zu kombinieren.


Max Cotting
CEO