Nach länger anhaltenden Befürchtungen einer weltweiten Deflation steigen die Inflationszahlen wieder. Die Schwellenländer Argentinien und Türkei haben spezifische Probleme und sind somit nicht stellvertretend aber +2.0% im Euro-Raum und 2.9% in den USA waren vor kurzer Zeit noch für unmöglich gehalten worden. Zudem liegen die Zahlen über den Richtwerten der jeweiligen Zentralbanken und sind im „Sommerloch“ Juli/August registriert worden.

Hoher Lohndruck

In den USA ist die Arbeitslosenrate auf den tiefsten Stand seit der Jahrhundertwende gefallen und es gibt heute mehr offene Stellen als Arbeitssuchende. Gleichzeitig kündigen mehr und mehr Gesellschaften Expansionspläne an. Alles deutet auf höhere Löhne in der unmittelbaren Zukunft. Im Euro-Raum ist die Arbeitslosenquote in den letzten 5 Jahren von 12% auf 8.4% gefallen und es herrscht vor allem Fachkräftemangel. Es gibt kaum eine Gewerkschaft die nicht höhere Löhne im nächsten Jahr fordert und sich auf Grund der guten Konjunktur Hoffnungen macht.

Neue Regulierungen

Während in den USA weniger Gesetzte erlassen und alte Regulierungen gelockert bzw. abgeschafft werden, geschieht in Europa das Gegenteil. Hauptverantwortlich sind die diversen EU-Gremien in Brüssel, die nicht Müde werden, mehr und mehr Aspekte des täglichen Lebens zu „verbessern“ bzw. gleichzuschalten. Die einflussreichsten Mitglieder Deutschland, Frankreich und Italien scheuen sich auch nicht diese für den Eigenbedarf einzuspannen, wenn sie auf nationaler Ebene nicht erfolgreich sein können. Die Doppelspurigkeit von EU und Nationalstaaten verursacht ebenfalls mehr Kosten, die sich wirtschaftlich nicht rechtfertigen lassen. Die Konsequenz ist ein zunehmender Kostenfaktor, welcher die Gesellschaften mit höheren Preisen wettmachen müssen.

Zunehmender Protektionismus

Waren die letzten gut 20 Jahre von offenen Grenzen und Globalisierung geprägt, zeichnet sich heute das Gegenteil ab. US Präsident Trump mag der Katalysator in Wirtschaftsfragen sein, aber die EU macht in Sachen Migration und Brexit nicht viel anderes und die Massnahmen Russlands und Chinas auf geostrategischer Ebene sind nebst Machtgewinn auch protektionistisch.

Seit dem Scheitern der Dohar-Runde (Verhandlungen über eine globale Handelsliberalisierung) im Jahre 2015 ist die für den Welthandel wichtige WTO (World Trade Organization) in der Versenkung verschwunden. Klagen brauchen Jahre um behandelt zu werden und etliche versanden in ihrer Bürokratie. Schlimmer noch: Artikel XXI des Regelwerks erlaubt protektionistische Massnahmen im Falle einer Bedrohung der nationalen Sicherheit, was Präsident Trump die Rechtfertigung für seine Importzölle auf Stahl und Aluminium aus aller Welt lieferte.

Der gegenwärtige Welthandel ist gekennzeichnet vom Aufbau von bürokratischen Hürden im internationalen Handel und erschwerten Zollabwicklungen im grenzüberschreitenden Warenverkehr. Erhöhte Agrarexportsubventionen der Industrieländer und verminderter Zugang von Waren aus den Entwicklungsländern in Schwellen- und Industriestaaten unterwandern das Abkommen über Handelserleichterungen (Trade Facilitation Agreement) von 2017. Der Welthandel wird für alle Beteiligten mühsamer und teurer.

Transformation Chinas

Nach dem Tod Maos 1976 hat sein Nachfolger Deng Xiaoping die früher abgeschottete Wirtschaft unter Einbezug kapitalistischer Vorgehensweisen vorangetrieben. Die Wirtschaftsform blieb dabei aber merkantilistisch, d.h. das Ziel war immer eine Stärkung der Macht des Staates. Das Hauptanliegen ist die Förderung des Aussenhandels wie im Zeitalter des Absolutismus des 17. und 18. Jahrhunderts in Europa. Theoretische Grundlage ist die Annahme, dass nur ein mächtiger, uneingeschränkter Wille an der Spitze des Staats dessen Zerstörung durch den Egoismus Einzelner oder Gruppen verhindern kann.

Die „Öffnung“ Chinas hat in den letzten 40+ Jahren bewirkt, dass sich das Land in kurzer Zeit von einer rückständigen Agrarwirtschaft zu einer der führenden Industriewirtschaften entwickelt hat. Noch wichtiger ist der Schritt in Richtung Zukunftstechnologien, sprich Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und dergleichen. Eine Folge davon ist die weniger wichtig gewordene Rolle als Produktionsstätte der Weltwirtschaft. Neue Ziele der Partei, veränderte Bedürfnisse der Bevölkerung und wirtschaftliche Überlegungen haben dazu geführt, dass China nicht mehr alles billiger produzieren kann oder will. Die Konsequenz ist eine generelle Preiserhöhung für alles vom täglichen Haushaltsartikel bis IT-Komponenten.


Christian Wagner
Finanzberater