In letzter Zeit häufen sich die Meldungen über Aktienrückkaufabsichten vor allem der grossen, international tätigen Gesellschaften. In den USA waren im 1. Halbjahr 2018 bereits fast USD 680 Mrd angekündigt, was auf das ganze Jahr hochgerechnet mehr als das Doppelte für die beiden Vorjahre und über die Hälfte mehr als im bisherigen Rekordjahr 2007 wäre.

Vorteile für Gesellschaften und Management

Theoretiker halten Aktienrückkäufe für ein geeignetes Mittel, überschüssige Liquidität die nicht im angestammten Geschäft oder für den Einkauf von anderen Firmen eingesetzt werden kann, abzubauen. Sie sind sogar der Meinung, dass damit die Gefahr einer Verwendung für unproduktive, gar unprofitable Investionen vermieden wird.

Da sich bei Aktienrückkäufen die Anzahl der ausstehenden Aktien verringert, müssen weniger Dividenden bezahlt werden und das eingesparte Geld kann in Zukunft für eine Dividendenerhöhung eingesetzt werden.

Mathematisch bedeutet ein Rückkauf von beispielsweise 10%  von 500 ausstehenden Aktien einen Gewinnanstieg für die verbleibenden 450 Aktien von 11.11%.Die theoretisch fällige Erhöhung des Kursgewinnverhältnisses (PER) um 11.11% wird erst mit der Zeit erkennbar. In Zeiten von hohen Bewertungen am Aktienmarkt eine willkommene Nebenerscheinung.

Einem Management, das je länger je mehr Aktien als Teil seiner Entlohnung erhält, bietet sich die Gelegenheit, eine Kurssteigerung nach Ankündigung eines Rückkaufs auszunutzen. Zudem vereinfacht sich ihre Tätigkeit: sie kann sich voll auf das operative Tagesgeschäft konzentrieren und muss sich nicht um strategische Belange kümmern.

Vorteile für Aktionäre

Aktienrückkäufe verursachen oft zumindest eine kurzfristige Kurserhöhung die im Kaufentscheid gar nicht berücksichtigt werden konnte. Da sich der Anlagezeithorizont über die letzten Jahre laufend verkürzt hat, sind viele Anleger geneigt, einen zusätzlichen Gewinn auch zu realisieren. Bei einem allfälligen Fehlkauf verringert sich der entstandene Verlust wenigstens um den zwischenzeitlichen Kursanstieg.

Passive Investoren in ETF Indexprodukte können davon profitieren, wenn ein Aktienindex (wie der S&P 500 seit 2005) nicht die Anzahl ausstehender Aktien für den Gesamtmarktwert benutzt, sondern nur die Aktien im Streubesitz (free float) berücksichtigt. Ein Aktienrückkaufprogramm kann die Wichtigkeit der betroffenen Gesellschaft nachhaltig beeinflussen.

Nachteile für Gesellschaften

Das neue SEC-Kommissionsmitglied Robert Jackson hat sich bereits beklagt, dass die Geschäftsleitungen sich mehr mit dem kurzfristigen Aktienkurs ihrer Firma als mit der langfristigen Wertschöpfung ihrer Gesellschaft beschäftigen. Hinzugefügt hat er die Feststellung, dass nicht in notwendigem Ausmass in Innovationen und Mitarbeiter investiert wird.

Bis 1982 waren Aktienrückkäufe in den USA als Marktmanipulation verboten. Wenn Mitglieder des SEC sich jetzt negativ äussern, droht die Gefahr, dass sie irgendwann zumindest eingeschränkt werden. Umsomehr wenn die US Politiker feststellen sollten, dass die Änderung im Steuergesetz mehrheitlich den Aktionären und nicht der Wirtschaft zu Gute kommt.

Da Rückkäufe in jüngster Vergangenheit oft durch zusätzliche Verschuldung finanziert wurden, hat sich das Verhältnis Eigen- zu Fremdkapital immer weiter verschlechtert, vor allem wenn um Goodwill bereinigt wird. Da die Zinserhöhung in den USA bereits im Gang ist, betrifft dies vor allem Europa, wo die Rückkäufe im Vergleich zu den USA zwar gering sind, aber auch hier das dritte Jahr in Folge steigen dürften.

Nachteile für Aktionäre

Die Verwendung von „überschüssigem“ Geld für Aktienrückkäufe sollte beim Investor Alarm auslösen, denn die Gesellschaft weiss anscheinend nichts „Besseres“ mit ihrem Geld anzufangen. Sollen die Aktionäre direkt profitieren können, sind Dividendenerhöhung oder Stockdividenden angesagt; auch die Ausgliederung von Geschäftssparten (spin-offs) ist eine Option. Soll nur die Gesellschaft selbst profitieren, ist die Rückzahlung von Schulden sicher sinnvoller.

Aktienrückkäufe verringern die Anzahl ausstehender Aktien und verändern das Verhältnis Angebot/Nachfrage. Bei gleichbleibender Nachfrage wird das Angebot – die entsprechende Aktie – teuerer. Der Anleger sollte sich bewusst sein, dass dies nur quantitativ Folgen hat und dass sich weder qualitativ noch fundamental etwas geändert hat. Im Gegenteil, der Handlungsspielraum der Gesellschaft hat sich um einiges verringert.

Schlussbemerkung

„Schuster, bleib bei deinem Leisten“. Vielleicht ist diese alte Redewendung in der heutigen Zeit ein wenig naiv, aber auch kotierte Gesellschaften sollten sich daran halten. Die Führung, Verwaltungsrat und Geschäftsleitung, muss sich auf ihr Produkt, dessen Herstellung und Vermarktung sowie Service/Wartung konzentrieren. Macht sie dies richtig, wird sich der Aktienkurs auch ohne „Nachhilfe“ positiv entwickeln.


Christian Wagner
Finanzberater